Berlin : Ein warmes Essen ist nicht alles

Im Hellersdorfer Jugendzentrum „Arche“ stehen täglich hundert Kinder für eine kostenlose Mahlzeit an – arm sind sie nicht, sagt das Bezirksamt

Claudia Keller

Am liebsten isst Mara Spaghetti. „Oder chinesische Reispfanne. Hier schmeckt es immer“, sagt die Neunjährige mit dem schmalen Gesicht und den großen Augen schüchtern und nimmt einen Löffel Reis aus dem weißen Plastikschälchen. Und überhaupt, sie habe Hunger, denn Frühstück gab es heute keines. Mara (Name geändert) isst schnell, holt sich noch einen Nachschlag. Dann setzt sie sich in eine Ecke des Essraums und spielt mit ihrem Gameboy.

Mara ist eines von rund hundert Kindern, die jeden Tag nach der Schule in das Jugendzentrum „Die Arche“ in Hellersdorf kommen und dort kostenlos zu Mittag essen. Der kleinste Gast ist drei Jahre alt und sitzt gerade auf dem Schoß seiner Mutter, einer mageren Frau von Mitte zwanzig, mit abwesendem Blick. Sie trägt Jeans und einen hellen Strickpulli, essen mag sie nicht viel und erzählen auch nicht. Sie ist ganz konzentriert auf den pausbäckigen Jungen vor ihr und darauf, dass er genug bekommt.

Im Raum stehen zehn Plastiktische mit weißen Plastikstühlen auf altem braun-gelbem Linoleum. Auf jedem Tisch ein Tannengesteck mit einer Kerze, an den Wänden Tierposter. An der Stirnseite des Raumes, dort wo die Tafel hing, als die „Arche“ noch eine Grundschule war, schöpft Andrea Thiel mit einer großen Kelle Reis und Gemüse aus einem Topf. Sie ist eine der Köchinnen und freut sich, dass sich die Kinder so oft nachholen. „Dann kann man davon ausgehen, dass sie für den Rest des Tages einigermaßen versorgt sind“, sagt sie. Für viele sei das Essen hier die einzige Mahlzeit am Tag.

Die Arche ist mittlerweile stadtbekannt, denn die „Kids-Küche“ ist die einzige Essensausgabe für „bedürftige“ Kinder, wie es in einer Broschüre des Jugendzentrums heißt. Die Suppenküche gibt es seit 1995, in den vergangenen zwei Jahren sind jährlich rund 40 Kinder neu dazugekommen. Gibt es also immer mehr „bedürftige“ Kinder in Berlin – und besonders in Hellersdorf? Und was heißt überhaupt „bedürftig“?

Im ersten Berliner Armutsbericht, den die Sozialverwaltung vor einem halben Jahr vorgelegt hat, steht, dass jedes vierte Kind in Berlin in Armut lebt. Als „arm“ gilt, wer weniger als die Hälfte des Durchschnittsnettoeinkommens zur Verfügung hat: weniger als 590 Euro im Monat. Die junge Mutter im hellen Strickpulli sagt, dass sie, ihr Mann und der dreijährige Junge mit 461 Euro im Monat auskommen müssten. Das Sozialamt zahlt die Miete. Und weil es so knapp sei, komme sie mittags hierher.

Roswitha Steinbrenner, die Sprecherin von Sozialsenatorin Heide Knake-Werner, wundert sich über die 461 Euro. Denn laut Berliner Sozialhilfegesetz erhält ein Haushaltsvorstand 293 Euro, die zweite erwachsene Person 234 Euro, und ein Kind unter sieben Jahren 147 Euro. Macht zusammen 674 Euro, das liegt über der Armutsgrenze. „Wer alle Ansprüche geltend macht“, sagt Steinbrenner, „muss nicht arm sein.“ Das Geld reiche für ein gesundes Frühstück und Mittagessen. Oft aber wüssten die Familien gar nicht, was ihnen zusteht. Oder es sei ihnen peinlich, danach zu fragen.

Im Erdgeschoss der Arche toben 13- und 14-jährige Jungen durch die ehemaligen Klassenzimmer oder spielen Tischfußball und Billard. Ein paar Mädchen hüpfen durch den Flur und singen: „Wir protestieren, auf allen vieren, denn wir wissen, wir werden beschissen.“ Im Erdgeschoss ist auch das Büro von Pastor Bernd Siggelkow. Der 36-Jährige leitet die „Arche“ und wohnt mit seiner Frau und seinen sechs Kindern im Haus. Es ist kaum möglich, mit ihm allein zu sprechen, ständig hängen kleine Kinder an seinem Ärmeln, und die größeren fragen nach Tischtennisschlägern, nach Büchern, danach, wann es dunkel wird.

„Hungern müssen die Kinder in Afrika“, sagt Siggelkow, „hier leiden sie unter Wohlstandsarmut.“ Er fügt an: „Und unter Beziehungsmangel.“ Die vielen Scheidungen Anfang der 90er Jahre gerade in den Ostbezirken hätten viele Alleinerziehende zurückgelassen. Viele seien überfordert mit Schuldenbergen, mit der Erziehung, dem Alltag. Für die Kinder aus diesen Familien ist die Arche da, sie will er beschäftigen an den Nachmittagen und ihnen beibringen, warum es sinnvoll ist, sich ordentlich zu ernähren und die Zähne zu putzen. Mara erzählt, sie sei hier, weil ihre Mutter in Urlaub gefahren ist. Für ein paar Wochen wohne sie bei einer Freundin.

Der 44-jährige Peter Thiel, der Mann der Köchin, erzählt, dass immer noch viele Ehen kaputt gingen – auch seine. Er arbeitet für 4,10 Euro die Stunde bei einem privaten Wachdienst. „Wenn ich im Monat 300 Stunden schieben muss, um über die Runden zu kommen, wie soll ich mich da noch um unsere zwei Kinder kümmern?“

Ein paar Ecken weiter, im Hellersdorfer Bezirksamt: Dort ist man über die Aktivitäten von Pfarrer Siggelkow nicht sonderlich erfreut. Eine Mitarbeiterin, die nicht genannt werden will, sagt: „Wir haben ihm die Schule gegeben, und jetzt breitet der sich aus.“ Ihr Tonfall ist abwertend. Sie fürchtet, dass Hellersdorf überall in der Stadt als „Armenhaus“ verschrien werden könnte und das Image litte. Zu Unrecht, sagt sie, denn Hellersdorf stehe ja gar nicht schlecht da.

Was das Familieneinkommen angeht, stimmt das auch. Da belegt Hellersdorf mit 1550 Euro netto im Monat einen der ersten Plätze in der Reihenfolge der Bezirke, gleich hinter Zehlendorf und Steglitz. „Die Kinder, die in der Arche Mittag essen, sind nicht arm“, sagt Jugendstadträtin Manuela Schmidt. „Wenn die nach der Schule da vorbeigehen und es riecht gut, ist es doch klar, dass die da was essen.“ In vielen Berliner Haushalten komme eben erst abends warmes Essen auf den Tisch. Dramatisch sei die Situation für Kinder bis zu sechs Jahren. „Aber das sind nicht die Kinder in der Arche.“ Richtig ist aber auch, dass es nirgends sonst in Berlin so viele Kinder gibt wie in Hellersdorf. Die durchschnittliche Familie hat hier drei Kinder. Jeder dritte Hellersdorfer ist jünger als 18 Jahre. Das bedeutet aber auch, dass sich das Familieneinkommen auf viele Köpfe verteilt – und Hellersdorf beim Pro-Kopf-Einkommen einen der letzten Plätze belegt.

Und überall in Berlin steigt die Zahl derjenigen Familien, die nur noch mit Erziehungshilfen den Alltag bewältigen, die ihre Kinder in Heime und Pflegefamilien geben. Im Abgeordnetenhaus haben mittlerweile alle Parteien erkannt, dass die Verwahrlosung und Verarmung der Berliner Kinder ein Problem ist. Die Parteien sind sich auch einig, dass die Unterstützung der Familien mehr sein muss als bloße „Leistungsgewährung“. Doch für eine zweite Stelle, die Pastor Siggelkow für 2003 beantragt hat, gibt es kein Geld.

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