Berlin : Ein Wiedersehen mit alten Bekannten

Lothar Heinke

Da sind sie also wieder, unsere Favoriten im blühenden Garten der Künste. Wohl geordnet, gut sortiert und hell belichtet, festgefügt im güldenen Rahmen der Ewigkeit und bereit, die alten und die neuen Freunde zu empfangen: Gestern konnten wir die drei Stockwerke unserer neuen Alten Nationalgalerie durchstreifen und jahrelang entbehrte Bilderkunst genießen. Jeder hat ja seine Lieblinge. Manchmal hängen sie als Reproduktion im Wohnzimmer, da hat man sie immer bei sich. Oder man geht zu ihnen, setzt sich auf lange, grau gepolsterte Bänke - Gott sei Dank haben die Architekten in dem 125 Jahre alten Haus an ermattete Kunstgenießer gedacht. Oder man steht davor, hält Zwiesprache.

Mit dem so selbstbewusst wie schüchternen "Heideprinzeßchen" von Fritz von Uhde, einem Freund Max Liebermanns. Mit dem genauen Gegenteil, der aufsehenerregenden "Sünde" von Franz von Stuck, dem sinnlichen nackten Oberkörper einer Frau, der eine blau gemusterte Schlange wie eine Stola um den Hals hängt. Wir mischen uns ein in das schweigende Gespräch eines Paares "Im Wintergarten" von Edouard Manet und suchen die leuchtenden Details im berühmten "Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci", von Adolf Menzel mit der Jahreszahl 1852 signiert. Hier erläutert uns übrigens der fast 500 Seiten starke Katalog, dass der von Menzel für dieses großformatige Bild entworfene Neorokoko-Rahmen seit 1945 verschollen war und 2001 nach Menzels Zeichnungen und alten Fotografien nachgebaut wurde - wie viele andere Rahmen, die, wie manch Gemälde, rechtzeitig zur Wiedereröffnung die Werkstätten der fleißigen Restauratoren verlassen hat.

Schon zu DDR-Zeiten in der alten Alten Nationalgalerie war Adolph Menzels "Eisenwalzwerk" - entstanden zwischen 1872 und 1875 - ein Magnet. Das zweieinhalb Meter breite Gemälde wurde vom Berliner Bankier Adolph von Liebermann, einem Onkel des Malers, erworben. Der hatte sich durch Ratenzahlungen den Kauf des von Menzel bereits konzipierten Bildes gesichert. Ein Zeitgenosse gab dem Werk auch den Titel "Moderne Cyklopen". Es könnte ebenso "Das Maschinenzeitalter" heißen. Im Katalog wird dieser Blick in das Arbeitermilieu als "das komplexe Bild eines komplexen Systems praktischer wie auch sozialer Beziehungen" bezeichnet - und unwillkürlich fallen uns moderne Werkhallen, vielleicht auch Mikrochip-Fabriken und Leute in Anzügen an Computern als Beispiele für die Arbeitswelt von heute ein.

Einen ganzen Saal hat Karl Friedrich Schinkel bekommen, hier - wie bei Eduard Gaertner - lernen wir das alte Berlin kennen, oder wir betrachten mit Wohlgefallen Johann Erdmann Hummels "Granitschale" im Berliner Lustgarten, gewissermaßen gleich um die Ecke, wo sie noch immer steht: Hintergrund und Rahmen bilden das Schloss und der (alte) Berliner Dom, vorn links betrachtet der Schöpfer der Schale, Hofsteinmetz und Baurat Christian Gottlob Cantian, in Gehrock und Zylinder, sein Werk, die Cousine und die Söhne Hummels sind das interessierte Volk, das die Schale bestaunt und das sich in ihr spiegelt.

Wir blicken in die romantische Welt Caspar David Friedrichs, erschauern ein wenig vor der Toteninsel Arnold Böcklins und werden stumm bei Schadows Grabmal des Grafen Alexander von der Mark - hingehen, genießen, bewundern und wieder kommen ...

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben