Berlin : Ein Witz führte in den Tod

Vor 60 Jahren ermordeten die Nazis in der Plötzenseer Blutnacht 186 Menschen, darunter war auch der Pianist Karlrobert Kreiten

Karsten Laske

Es ist März 1943. In den Nächten kommt der Krieg nach Berlin. Am Tage versucht man, ganz normale Dinge zu tun, zum Beispiel erzählt man sich Witze. Einer, der damals kursiert, geht so: „Kommt Hitler in den Himmel, fragt er Moses: Im Vertrauen, Herr Moses, den Dornbusch, den haben Sie doch selbst angezündet?“

Der 26-jährige Pianist Karlrobert Kreiten, über den die Kritiker schreiben, er sei „ein wahrer Hexenmeister des Klaviers“, und der von Wilhelm Furtwängler und Claudio Arrau als Ausnahmetalent geschätzt wird, mag ihn auf einer Konzertreise gehört haben, diesen oder einen ähnlichen Witz. Jetzt erzählt er ihn Frau Ott-Moneke, einer in Berlin lebenden Dame, einst Schulfreundin seiner Mutter, die vor Entsetzen erstarrt. Der junge Mann scheint das nicht zu bemerken, jedenfalls redet er munter weiter: „Hitler will jetzt auch zwei neue Feiertage einführen: Maria Denunziata und Mariae Haussuchung.“ Er lacht. „Mariae Haussuchung. Sie versteh’n?“

Ja. Frau Ott-Moneke versteht. Und holt sich Rat bei Frau Ministerialrat Windmöller. Die ist genauso entsetzt. Zumal der junge Mann noch einiges mehr erzählt hat. Der Krieg sei nicht mehr zu gewinnen, meint er. Hitler sei ein Verbrecher, und dass die Engländer Deutschland bombardierten, sei nur gerecht, denn die Deutschen hätten England zuerst angegriffen… Was soll man da sagen? Frau Windmöller bespricht den heiklen Fall mit Frau von Passavent, mit der sie in der Frauenschaft aktiv ist. Dann wird eine Anzeige verfasst und bei der Reichsmusikkammer eingereicht. Da die Damen jedoch von dort nichts hören, denunzieren sie Kreiten sicherheitshalber auch bei der Gestapo.

Auf die ist Verlass, der Stein kommt ins Rollen. Die Eltern erfahren zunächst nicht, was gegen ihren Sohn vorliegt, nicht einmal, wo man ihn nach seiner Verhaftung hingebracht hat. Emmy Kreiten, eine elegante, selbstsichere Frau, macht sich auf die Suche. In den nächsten Wochen läuft sie von Dienststelle zu Dienststelle, zu Wehrkreiskommando, Hitlerjugend, Polizei und Gestapo.

Karlrobert Kreiten ist inzwischen ins Gestapo-Hauptquartier überstellt. Hier wird er vernommen. Besuche von Angehörigen sind nicht gestattet. Anfang Juli landet er im Untersuchungsgefängnis Moabit. Er darf den ersten Brief an seine Eltern schreiben: „Jetzt ist ja alles nur noch halb so schlimm, nachdem die Zeit in der Prinz-Albrecht-Straße und am Alexanderplatz überstanden ist. Macht Euch bloß keine Sorgen um mich! Ich habe hier ein nettes, helles Zimmerchen und höre die Bahn vom Lehrter Bahnhof, und manchmal meckert eine Ziege, wer weiß woher. Hoffentlich wird bald mein Termin sein! Was wird das für eine Freude geben, wenn ich erst wieder bei Euch bin!!“

Weiter versuchen die Eltern, sich Klarheit zu verschaffen. Jede ihnen überbrachte Äußerung von „höherer Stelle“ wird genau bedacht und gewogen. Sie rechnen mit allem Möglichen, aber nicht mit dem Schlimmsten. Am 3. September erfahren sie durch einen Telefonanruf, dass ihr Sohn zum Tode verurteilt wurde: Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung. In fiebriger Eile versucht die Familie jetzt, die sofortige Vollstreckung des Urteils zu verhindern. Es folgen Tage ununterbrochenen Vorsprechens bei den verschiedenen Ministerien, Amtsstellen und Persönlichkeiten. Endlich, am 8. September, reichen Mutter und Schwester in der Kanzlei des Führers ein Gnadengesuch ein. Man versichert ihnen, dass die Urteilsvollstreckung nun bis zur Entscheidung über das Gesuch ausgesetzt sei. Aber da ist Karlrobert Kreiten schon tot.

Am 4. September wurde die Haftanstalt Plötzensee von Fliegerbomben getroffen. Keiner der etwa dreihundert Gefangenen kam bei dem Angriff zu Tode, aber man fürchtet nun um ihre „Sicherheit“. Gleichzeitig ist das Fallbeil aus seiner Bettung gerissen. Die Reparatur würde eine Woche dauern. Was tun?

Ein Sachverständiger prüft die Wände im Hinrichtungsraum. Sie sind stabil genug, eine Hängevorrichtung für jeweils acht Schlingen zu tragen. Das Sterben kann beginnen. Ohne ihnen die Zeit zu einem Abschiedsbrief zu lassen, werden 186 Menschen in Gruppen zu acht erhängt. Um 8 Uhr morgens stellen die Henker wegen Übermüdung ihre Arbeit ein, um sie am Abend wieder aufzunehmen.

Im „12-Uhr-Mittagsblatt“ wird der Journalist Werner Höfer, der spätere Moderator des Internationalen Frühschoppens, das Urteil gegen den „ehrvergessenen Künstler“ entschieden begrüßen. Das wird Höfer erst 1987 wieder einholen – und seiner Karriere ein abruptes Ende bescheren.

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