Berlin : „Ein wunderbarer Kiez“

Ein Parteifreund antwortet Schäuble: Michael Freiberg, Bezirkspolitiker – und gebürtiger Neuköllner

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In den Augen Wolfgang Schäubles sind Teile Neuköllns zum Slum verkommen. Was sagt sein Parteifreund, der Bezirksstadtrat Michael Freiberg, dazu, der in Nord-Neukölln als Arbeiterkind geboren wurde und den CDU-Ortsverband Alt-Rixdorf führt? Das ist jenes Gebiet zwischen Maybachufer, Kottbusser Damm und Sonnenallee, das Schäuble meint.

Ist Nord-Neukölln ein Slum?

Es ist unstrittig, dass wir in Berlin soziale Brennpunkte haben und es in bestimmten Stadtquartieren Parallelgesellschaften gibt. Dort besteht auch die Gefahr, dass sich irgendwann Slums bilden, dass der öffentliche Raum völlig verwahrlost. Ich halte trotzdem nichts davon, sich jetzt gegenseitig schlimme Begriffe an den Kopf zu werfen.

Wenn es kein Slum ist – was ist Nord-Neukölln dann?

Es ist ein wunderbarer Kiez mit wirklich hübschen Ecken, mit einer fantastischen Kultur. Es herrscht hier ein anderes Leben als in den bürgerlichen Teilen Neuköllns. Aber es ist ein Ortsteil mit einem Riesenberg an Problemen, die sich seit vielen Jahren angehäuft haben. Nicht erst seit einem Monat.

Sie kannten Nord-Neukölln schon als Kind. Was hat sich seitdem so verändert, dass nun die Republik darüber spricht?

Dort haben schon immer viele Arbeiter, kleine Angestellte und Handwerker gelebt. Es war nie eine Wohngegend für Beamte oder Selbstständige, die sich ein eigenes Häuschen leisten können. Das ist immer noch so. Aber die wirtschaftliche Entwicklung hat sich, vor allem nach dem Fall der Mauer, dramatisch verschlechtert. Das ging einher mit einer wachsenden Arbeitslosigkeit und schwindender Kaufkraft. Und es gab immer weniger öffentliche Mittel für die Bildung, für die Betreuung von Kindern, Jugendlichen – und alten Menschen. Der soziale Frieden ist enorm gefährdet.

Den hohen Ausländeranteil in Nord-Neukölln haben Sie gar nicht erwähnt.

Als hier die soziale Balance noch stimmte, vor 15 bis 20 Jahren, waren die Menschen nichtdeutscher Herkunft kein großes Thema. Erst als soziale Brüche entstanden und sich Perspektivlosigkeit breit machte, wurde der Fokus auf „die Ausländer“ gerichtet, von denen viele übrigens die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Ich kann nur sagen: Die Sorge um die Zukunft meines Kindes oder meines Arbeitsplatzes kennt keinen Migrationshintergrund.

Inzwischen reden auch Bundespolitiker über Neukölln, die wahrscheinlich noch nie dort waren.

Es ist schade, dass der Bezirk jetzt als Synonym für eine drohende Gefahr betrachtet wird. Der eine oder andere sollte vielleicht doch mal einen Blick dorthin werfen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Mir persönlich liegt aber was anderes am Herzen: Es wird unentwegt problematisiert, aber nicht gehandelt. Es fehlt Personal, es fehlt Geld. Wir müssen schleunigst in die Phase des Reparierens eintreten.

Bezirksbürgermeister Buschkowsky von der SPD hat Herrn Schäuble zu einer Rundfahrt durch Neukölln eingeladen …

… wir brauchen Taten, nicht Geplänkel und Stimmungsmache.

Das Gespräch mit Michael Freiberg führte Ulrich Zawatka-Gerlach.

Michael Freiberg (50) arbeitet seit 1975 im Bezirksamt Neukölln. Seit fast 20 Jahren ist er CDU-Mitglied, jetzt Ortsvereins-Chef und Mitglied des Neuköllner Kreisverbands der Union.

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