Berlin : Ein Wunderkind im Glaspalast

Der einstige Vorzeigeunternehmer Lars Windhorst versucht, endlich richtig erfolgreich zu sein. Vielleicht mit Öl

Christoph Schlegel

Lars Windhorst wünscht Ruhe. Keine Klatschspalten, keine Schlagzeilen, einfach nur Ruhe. Man soll ihn arbeiten lassen. Das müssen die anderen verstehen. Der Michael Douglas zum Beispiel. War ganz dicke mit Lars. Damals, im Jahr 2000, als Lars sein Büro am Potsdamer Platz eröffnete und für Berlin ein „Windhorst Center“ mit 600 Arbeitsplätzen ankündigte. Kam der Michael extra her aus den USA, nur um dabei zu ein. Sie nannten sich „Geschäftspartner“.

Das ist ein Weilchen her. Als Michael Douglas neulich wieder in Stadt war, weil seine Frau, die Schauspielerin Catherina Zeta-Jones bei der Berlinale ihren Film „Chicago“ präsentierte, kam es nicht zu einem öffentlichen Auftritt mit Lars Windhorst. Der Lars sitzt nämlich in seinem Büro und arbeitet.

Ein Schauspieler ist Lars Windhorst nie gewesen. Trotz gegenteiliger Vermutung. Wenn er vom Big Business in Fernost oder von Entertainment-Deals mit Hollywood berichtete und später einräumen musste, mit nicht vorhandenen Aufträgen geprahlt zu haben. Da nannte ihn der „Spiegel“ dann ein „Windei“. Und prompt war es nicht mehr so schön, wie damals, als alles begann.

Im Jahre 1994. Man feierte ihn als das deutsche Wirtschafts-Wunderkind, als „den Jungen mit dem sechsten Sinn“, der einfach alles, was er anpackt, zum Erfolg führt. Mit kaum 18 Jahren gründete er die „Windhorst Electronics GmbH“ im westfälischen Rahden, versprach Arbeitsplätze, stampfte Niederlassungen in China, Vietnam und Europa aus dem Boden und wurde dafür allseits gehätschelt. Obwohl der junge Unternehmer immer so konfirmations- schüchtern lächelte, war die Politik beeindruckt und öffnete dem Knaben sämtliche Türen. Er war keiner von diesen jungen Nörgeln, sondern galt als frischwärts handelnder Geschäftsmann – mit Büro in Hongkong (Monatsmiete 40 000 Mark) und mit weltumspannenden Visionen. Begeistert vom jugendlichen Eifer lud ihn der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU) zu einer China-Reise und rühmte ihn „als Asien-Pionier der deutschen Wirtschaft“.

Was haben sie geschwärmt von dem Jungen, der in der elften Klasse das Gymnasium schmiss, sich vom Vater 100 000 Mark borgte und in Fernost günstige Bauteile einkaufte, um daraus marktfähige Computer zu basteln. Und damit den Grundstein legte für ein… – ja, für was eigentlich?

Für eine Windhorst AG, die im Jahr 2003 personell zusammengeschrumpft ist, immerhin noch auf 400 Quadratmetern im 13. Stock im gläsernen Hochhaus, Potsdamer Platz 1 residiert. Quadratmeterpreis: zirka 30 Euro. Mitarbeiter: zirka 20. Und diese 20 Mitarbeiter befinden sich, laut Firmenauskunft, gerade in „der Phase der Umstrukturierung“. Man wolle mit den neuen Geschäftsaktivitäten der Windhorst AG erst an die Öffentlichkeit treten, „wenn man festen Boden unter den Füßen hat“.

Das klingt nach Bekehrung. Denn zu viel ist in der Vergangenheit hinaus posaunt worden. Und oft hat es den Erwartungen nicht stand gehalten. Da war der Wolkenkratzer in der vietnamesischen Metropole Ho-Tschi-Minh-Stadt (Saigon), der mit seinen 55 Stockwerken als „Windhorst Tower“ in die Geschichte eingehen sollte – aber nie gebaut wurde. Da war das Windhorst Handy WE-H1 (Kostenpunkt: rund 300 Euro), das im vergangenen Jahr auf den Markt kam, und von der Fachpresse als „unauffälliger Exot“ bezeichnet wurde, und ebenso unauffällig wieder vom Markt verschwand. Man sei zu spät dran gewesen, heißt es. Die allgemeine Krise im Bereich der Telekommunikation hätte auch Windhorst zugesetzt. Rückschläge hauten den jungen Mann nie um. Von seinem Image als junger Wirtschaftheld lebt er gut. Geschäftspartner bescheinigen ihm eine „hohe Suggestionskraft“. Er kann reden. Er kann überzeugen. Trotz allem.

Der vorläufige Tiefpunkt war der Besuch des Gerichtsvollziehers im vergangenen Oktober. Vorangegangen war im Juni 2002 die Schließung des Stammhauses in Rahden. Die sich nicht verkaufenden Mobiltelefone und der gravierende Mangel an Aufträgen im IT-Bereich hatten keine andere Wahl gelassen: Er musste seinen verbliebenen 30 Mitarbeitern kündigen. Ein Großteil klagte wegen nicht eingehaltener Kündigungschutzbestimmungen und erhielt erst Geld, nachdem die Zwangsvollstreckung bei Windhorst eingeleitet wurde.

Trotzdem geht es weiter. Die IT-Branche hat man abgeschrieben und setzt nun ganz auf Finanzdienstleistungen. Das heißt: Man will das Geld anderer Leute verwalten. Das wollen viele, und deshalb kommt es auf die guten Kontakte in Wirtschaft und Politik an. Und dafür steht Windhorst inzwischen ein wichtiger Mann zur Seite: Philipp Graf von Walderdorff, der einstige „Protokollchef“ des Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Der Graf verfügt über ausgezeichnete Beziehungen in alle Welt und holte während seiner Zeit bei der DIHK an die 150 Staats- und Regierungschefs in die DIHK-Zentrale – von Putin bis Mandela. Nach Auseinandersetzungen über den künftigen Kurs verließ Walderdorff den Unternehmerverband und stellt heute als freier Berater sein Netzwerk unter anderem Lars Windhorst zu Verfügung.

Bei der Windhorst AG hat er einen eigenen Telefonanschluss, nennt sich „Senior Advisor“ und schaut dem inzwischen 26-Jährigen auf die Finger. Man kennt sich schließlich schon lange. So soll es Graf Walderdorff gewesen sein, der Windhorst damals den Sitzplatz in Kohls Maschine nach China ermöglicht hat.

Nun sollen die nächsten Türen geöffnet werden. Und zwar in Afrika. Denn Windhorst will, so ist aus der Branche zu hören, offenbar bei einem ganz großen Spiel mit machen: Öl. Die westafrikanischen Länder an der Küste des Golfs von Guinea sind reich an Öl und haben inzwischen in aller Welt Begehrlichkeiten geweckt. Für Windhorst als Finanzdienstleister könnte das schlicht und ergreifend heißen: Das Geld der künftigen Ölnationen verwalten. Auch ein nächster Schritt scheint nicht ausgeschlossen: Selbst Öllizenzen erwerben. Vieles scheint möglich. Nur will man es diesmal nicht bei vollmundigen Versprechungen belassen. Schließlich ruhen große Hoffnungen auf Lars Windhorst. So gehört er zu den 40 Deutschen „Global Players“ der vergangenen zehn Jahre, von denen das „World Economic Forum“ hofft, dass sie noch Großes in ihrem Leben bewerkstelligen werden. Und vielleicht gelingt das. Irgendwo in Afrika.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben