Berlin : Ein zweiter Fall Mehmet: Geschlossene Gesellschaft

Katja Füchsel

Es ist still geworden um Abdulrahman A. Vergangene Woche, beim Auftakt zum Prozess gegen seinen Sohn, war der Familienvater noch von Journalisten umringt, nun sitzt er allein in dem düsteren Berliner Gerichtsflur - und kann es noch immer nicht glauben. Dass ein Streit um fünf Mark diese Katastrophe auslösen konnte. Dass sein 16-jähriger Sohn nun im Gefängnis sitzt. Dass der Staatsanwalt ihm versuchten Mord vorwirft. Dass Erdal in die Türkei abgeschoben werden soll. "Es hat als so kleine Sache angefangen", sagt der 46-Jährige und schüttelt den Kopf.

Die Ungläubigkeit des Vaters mag zunächst ein wenig naiv erscheinen. Aber die meisten Eltern hätten wohl Probleme, ihren eigenen Kindern zuzutrauen, was Erdal getan hat: Laut Polizeiprotokoll stürmte der damals noch 15-Jährige mit seinem gleichaltrigen Freund Taner am 20. Januar in ein Friseurgeschäft an der Neuendorfer Straße. Nach einem kurzen Wortgefecht mit dem Friseurgehilfen zog Erdal eine Gaspistole und feuerte dem Mazedonier mehrfach ins Gesicht. Als der 21-Jährige zu Boden ging, zog Erdal sein Klappmesser und stach mindestens vier Mal auf den Liegenden ein. Nachdem die beiden geflüchtet waren, fand der Inhaber seinen Gehilfen. Der Mann überlebte den Angriff schwer verletzt.

Bereits am Abend des selben Tages schlug Erdal erneut zu: Gegen 20 Uhr 30 stieg er mit Taner am Päwesiner Weg Ecke Seeburger Straße in einen BVG-Bus. Als der Busfahrer Erdal bat, seinen Fahrschein vorzuzeigen, zog er seine Pistole. Wieder zielte er ins Gesicht, wieder drückte er mehrmals ab, wieder verätzte er die Augen seines Opfers. Und da gibt es noch einen dritten Anklagepunkt: Am 28. November 1999 hat den unbeherrschten Jungen laut Staatsanwalt schon einmal auf einer Party der Jähzorn gepackt. "Du Arschloch, Ihr seid ja blöd, haltet die Schnauze, ich ficke Deine Mutter", brüllte Erdal - und schlug dem Gegner die Faust ins Gesicht.

Manche wussten Erdal gleich einzuordnen, als er im Januar festgenommen wurde. Boulevardzeitungen nannten ihn den "brutalsten Jugendlichen Berlins" und den "Mafia-Paten von Spandau". Innensenator Eckart Werthebach (CDU) kündigte lange vor Prozessbeginn an, dass er sich mit einem Jugendstrafverfahren nicht zufrieden geben werde. "Solche Straftäter gehören nicht in unsere Gesellschaft", erklärte er. Werthebachs Sprecher ergänzte: "Aufgrund seiner Struktur scheint der Täter weder integrationsfähig noch integrationswillig zu sein." Die Unschuldsvermutung ließ Werthebach für Erdal und Taner nicht gelten.

"Wir haben es hier mit Kindern zu tun", sagt Erdals Anwalt Andreas Warning, "da sollte man sich doch ein bisschen zurückhalten." Taners Anwalt Udo Grönheit glaubt, Werthebach habe mit seinen populistischen Parolen dafür gesorgt, dass die beiden Jugendlichen schon vor der Verhandlung öffentlich abgeurteilt wurden.

Nun ist Erdal also auf dem besten Wege, ein Berliner Mehmet zu werden. Der echte Mehmet ist in Bayern aufgewachsen. Als strafunmündiges Kind hatte er mehr als 60 Delikte begangen; als er 1998 mit 14 Jahren bei einem Raubüberfall erwischt wurde, hat man ihn in die Türkei abgeschoben. Letzte Woche forderte Werthebach, dem bayrischen Beispiel zu folgen und Erdal schnellstmöglich abzuschieben. Weil es kein Abkommen mit der Türkei gibt, bedeutet "schnellstmöglich" jedoch: erst nach dem Ende der Haft. Tatsächlich kann die Ausländerbehörde einen hier aufgewachsenen Jugendlichen ausweisen, wenn er "wegen schwerer Straftaten oder einer besonders schweren Straftat" verurteilt wurde.

Und die Aussichten sind gut, dass die Attacke in dem Friseursalon als eine "besonders schwere Straftat" eingestuft wird. Aber sie war, wie oft behauptet, kein willkürlicher Exzess. Sie hat eine Vorgeschichte: "die kleine Sache", wie Herr A. sagt, der neben Erdal fünf weitere Kinder hat. Genauer: ein Streit um fünf Mark. Statt zehn verlangte der Friseur Hasan O. von Erdals jüngerem Bruder nämlich plötzlich 15 Mark für einen Haarschnitt. Die Familie A. fühlte sich ungerecht behandelt, denn angeblich galt die Preiserhöhung nur für Erdals Bruder. Also zankte man, stritt und drohte.

Im vergangenen Sommer stand dann plötzlich der viertälteste Sohn der Familie im Geschäft: Erdal, der dafür bekannt ist, dass er sich für seine jüngeren Brüder gerne stark macht. Der Streit eskalierte. Erst flogen die Fäuste, dann stach der Junge zu, traf einen Oberschenkel und hatte damit sein erstes Verfahren am Hals. Der Vater versuchte, seinem Sohn die Strafe zu ersparen: Abdulrahman A. sprach mit dem Friseur und dem Gehilfen, man schloss Frieden, vereinbarte, die Sache auf sich beruhen zu lassen, und O. zog die Anzeige zurück. Keiner der Beteiligten hatte offenbar damit gerechnet, dass die Mühlen der deutschen Justiz trotzdem weiter mahlen würden. Als der 15-Jährige im Januar seine Vorladung im Briefkasten fand, muss er geglaubt haben, von den beiden Männern hintergangen worden zu sein - und das Unglück nahm seinen Lauf.

Offenbar gestand der Junge nach dem zweiten Vorfall am 20. Januar nun seinen Eltern die beiden Anschläge. Nach Mitternacht erschien er jedenfalls mit seinem Vater auf einem Spandauer Polizeiabschnitt, um sich zu stellen. Dass er und ein Anwalt das Recht gehabt hätten, bei der Vernehmung anwesend zu sein, wusste Erdals Vater damals nicht. Nachdem er seinen Sohn den Beamten übergeben hatte, ging der 46-Jährige wieder nach Hause. Es dauerte Wochen, bis das Bezirksamt Spandau der Familie einen Pflichtverteidiger stellte.

Es ist nicht sicher, was sich bei der Vernehmung der Mordkommission abgespielt hat. Sicher ist aber, dass der 15-Jährige ohne Beistand verhört wurde. Vor Gericht hat Erdal ausgesagt, dass die Polizisten ihn schlecht behandelt, provoziert und auf sein Essen gespuckt hätten. Er habe deshalb auf die Fragen nur noch trotzig reagiert. Es sei dahin gestellt, ob Erdal die Wahrheit sagt. Tatsächlich hat sich der Junge aber bei der Polizei um Kopf und Kragen geredet: Er begann, sich mit der Tat zu brüsten, sprach von der Ehre eines Mannes und der Rache für die Familie. Er gab zu Protokoll, dass er den 21-Jährigen töten wollte, damit dieser nicht bei der Gerichtsverhandlung aussagen könnte. Und als Antwort auf die Frage, welchen Hobbys der 15-Jährige nachgehe, notierten die Beamten nur ein Wort: "Schlagen!"

Wieder versuchte Abdulrahman A., seinen Sohn zu beschützen. Ohne die Gesetze der deutschen Medien und Öffentlichkeit zu kennen, wollte er für Erdal eine Welle der Solidarität auslösen. Immer wieder sprach er nach dem 20. Januar mit Journalisten - und sagte jedem etwas anderes. Mal forderte er, dass Erdal zur Züchtigung zu seinem Onkel in die Türkei geschickt werden solle. Dann klagte er, dass Erdal auf keinen Fall ausgewiesen werden dürfe, weil nur noch sein 90-jähriger Großvater in der Türkei lebe. "Ich habe mich nicht getraut, Erdal zu schlagen", erzählte er dem Tagesspiegel. "Wenn ich ihn geschlagen habe, verzog Erdal nicht einmal das Gesicht", der "Berliner Zeitung". Ein sprachliches Missverständnis gab es offensichtlich nicht - A. lebt seit 21 Jahren in Deutschland und spricht gut Deutsch. Auch dass seine Äußerungen sich widersprechen, bestreitet er nicht. Aus Wut habe er manches gesagt, was er nicht so gemeint habe. Keine seiner Strategien hat gefruchtet. Nun winkt er ärgerlich ab, wenn er im Gerichtsflur angesprochen wird. "Zeitungen sind nicht gut", sagt der Kraftfahrer.

Rat und Hilfe haben Erdals Eltern auch bei der Berliner Ausländerbeauftragten gesucht. Viel Mut vermochte aber auch Barbaba John der Familie nicht zu machen. Sie sagt, dass es zwar auch ihr wesentlich lieber wäre, wenn die deutschen Jugendlichen genauso behandelt würden wie die hier aufgewachsenen Ausländer, aber "solange wir das Gesetz haben, wird es angewandt". Deshalb wolle sie zusammen mit den Eltern einen Weg suchen, Erdals anstehenden - und vielleicht nur vorübergehenden - Türkei-Aufenthalt "als Chance" zu nutzen. Im Übrigen handele es sich um keine Berliner Premiere. "Immer wieder" würden ausländische Jugendliche nach Verbüßung ihrer Strafe in die Heimat ihrer Eltern abgeschoben, wenn man sie bei einem Drogendelikt erwischt hat.

Es ist ein Donnerstag. Während die beiden Jungen in Moabit auf der Anklagebank sitzen, versammeln sich ihre Schulkameraden am Vormittag vor der Carlo-Schmid-Oberschule in Spandau: Hitzefrei. "Wir sind Kumpels von Erdal", sagen Tayfun, Mustafa, Kenan und Micha (Namen geändert), während sie im Schatten eines Baumes an ihren Zigaretten ziehen. Die Jugendlichen reagieren erst ein wenig argwöhnisch, dann reden sie doch: Erdal sei "voll okay", nur wenn ihn "ein Fremder anmacht, rastet er manchmal eben aus", sagt einer von ihnen. Das mit der geplanten Abschiebung sei "natürlich total Scheiße", deshalb wollen die Jugendlichen nach dem Urteil vielleicht Unterschriften gegen Werthebachs Pläne sammeln. "Wenn Erdal rauskommt, kriegt der sich schon wieder ein", sagt Tayfun.

Es macht nicht den Eindruck, dass sich die Jugendlichen auf dem Schulhof der Tragweite von Erdals Taten bewusst sind. Im Januar, sagt einer, habe man im Unterricht darüber gestritten, "ob das okay war oder nicht, was Erdal gemacht hat". Kann man diese Frage diskutieren? "Na, das war doch aber auch Scheiße, was der Friseur gemacht hat!"

Im Gericht können die Vier ihrem Freund keinen Beistand leisten: Weil Erdal und Taner noch minderjährig sind, wird in Moabit unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Hinter verschlossenen Türen versucht Erdals Verteidiger nun, die Glaubwürdigkeit der Polizei-Protokolle zu untergraben. Warning hält es "schlicht für unverantwortlich, einen 15-Jährigen ohne rechtlichen Vertreter zu vernehmen".

Sollte das Gericht seinen Zeitplan einhalten, wird das Urteil am Donnerstag gesprochen. Wie an jedem anderen Verhandlungstag auch wird Abdulrahman A. dann wieder pünktlich vor dem Saal 817 seinen Platz einnehmen. "Wir haben zu Hause keine Probleme", sagt der Vater mit fester Stimme, während sein Sohn in die Anklagebox geführt wird. Abdulrahman A. hat die Vorwürfe des Staatsanwalts gehört. "So schlimm ist Erdal nicht", sagt A. - es klingt, als wolle er sich mit diesem Satz selbst überzeugen.

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