Berlin : Einbrüche, Autodiebstähle und Hehlerei

Rainer W. During

Polizei ermittelt gegen 52 Mitglieder der GangRainer W. During

Es begann mit Fahrraddiebstählen, am Ende standen Einbruch und Raub. Rund 1800 Straftaten gehen auf das Konto einer Jugendbande, die seit 1993 in Berlin ihr Unwesen treibt. Die Polizei ermittelt gegen 52 Mitglieder der Gang. Ein junger Mann, der als Kopf der Bande gilt, wurde inzwischen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Ein weiterer hat einen Teil der Taten gestanden. Den Gesamtschaden schätzt der ermittelnde Kriminalhauptkommissar Geier auf über eine Million Mark. Trotz knapper Personalressourcen hat die Polizei eine achtköpfige Sonderkommission eingerichtet.

Im Sommer vergangenen Jahres hatten sich Einbrüche gehäuft, bei denen die Täter Schaufensterscheiben von Geschäften mit Gullydeckeln zertrümmerten und Sachschäden anrichteten, die meist höher waren als der Wert der Beute. Einmal hatten die Täter nur drei Knoblauchwürste mitgehen lassen. Bei ihren Ermittlungen stieß die Kripo auf einen heute 25-jährigen Spandauer, der gestand, mit wechselnden Komplizen Einbrüche in 285 Keller und eine Vielzahl von Geschäften begangen zu haben. Inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft.

Als den Ermittlern klar wurde, dass sie es hier mit einer gut organisierten Bande zu tun haben, wurde die "Ermittlungsgruppe Staaken" ins Leben gerufen. Die heute 17- bis 24-jährigen Täter stammen alle aus demselben Spandauer Kiez, der Wohnsiedlung Heerstraße-Nord. Sie kennen sich aus der Schule oder von der Straße. Ein Spielplatz am Blasewitzer Ring dient als Treffpunkt.

Was mit Fahrraddiebstählen und Kellereinbrüchen begann, bekam schnell eine andere Qualität. Autodiebstähle, geknackte Autos, Wohnungs- und Geschäftseinbrüche sowie Raubtaten gehen auf das Konto der Nachwuchs-Ganoven. Inzwischen wird auch gegen Hehler ermittelt, die den Diebstahl teuren Autozubehörs gezielt in Auftrag gaben. Aber auch ganze Baugerüste wurden auf Bestellung entwendet und per Miet-Lkw abtransportiert. Wenn bei den Jugendlichen "Frühschicht" angesagt war, lauerten sie morgens vor Kindertagesstätten auf eilige Mütter, die Wertsachen unbeaufsichtigt in oftmals noch nicht einmal verschlossenen Autos liegen ließen.

Um Luxusautos zu knacken und zu klauen, schwärmten die jungen Täter bis in die Gropiusstadt oder ins Märkische Viertel aus. Viele Fahrzeuge wurden komplett ausgeschlachtet, unter anderem in einer Scheune bei Bötzow im Berliner Umland. Die Rohkarossen landeten in einem See oder zersägt in Schrottcontainern.

Vom Erlös ihrer Beute finanzierten die Täter, denen Hauptkommissar Geier fehlendes Unrechtsbewusstsein attestiert, einen gediegenen Lebensstil: Gutes Essen und Trinken, Autozubehör, teure Kleidung, Besuche in Spielsalons und "ein bisschen Rauschgift", wie ein Ermittler sich ausdrückt. Einmal besorgten sich einige der Jugendlichen aus dem KaDeWe Kaviar, Hummer und Champagner. Und einmal bestellten sich 16- bis 18-jährige weibliche Bandenmitglieder telefonisch Callboys in eine Wohnung. Den Schlüssel hatten sie einem Paar stiebitzt, das während der Abwesenheit der Mieterin auf die Wohnung achtgeben sollte. Obwohl ihnen die Fahnder im Nacken sitzen, macht ein Teil der überwiegend aus zerrütteten Familienverhältnissen stammenden Nachwuchs-Gangster offensichtlich weiter.

Bei der Justiz koordiniert inzwischen eine Staatsanwältin den Gesamtkomplex. Verurteilt wurde bislang nur ein 21-Jähriger, der als Kopf der Bande gilt. Er erhielt eine Bewährungsstrafe von 15 Monaten. "Wir gehen davon aus, dass wir das Gesamtverfahren im Herbst abschließen und zumindest die rund 22 Haupttäter in entsprechenden Gerichtsverfahren ihre Strafen erhalten werden", sagt Hauptkommissar Geier.

Insgesamt aber sieht das Landeskriminalamt diese Gang eher als Ausnahmeerscheinung. Seit Jahren zusammenhängende, kriminelle Gruppierungen von Jugendlichen seien mittlerweile selten. "Der Trend geht in die richtige Richtung", sagt Jutta von Döllen von der Fachdienststelle für Jugendgruppengewalt beim LKA. Die Zahl der Täter und der Straftaten sei im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Die klassischen Jugendbanden, die sich Namen gaben, im einheitlichen Outfit auftraten, ihren Kiez beherrschten und mit Konkurrenten bekriegten, existieren nach Angaben der Kriminalistin kaum mehr - wie auch die klassischen Strukturen mit Anführern und Mitläufern. Dennoch gebe es immer wieder "Intensivtäter", die andere zu Straftaten mitreißen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben