Berlin : Eine Amtsperson auf vier Beinen

Vor 725 Jahren tauchte zum ersten Mal der Bär als Berliner Stadtwappen auf. Morgen wird das Jubiläum am Bärenzwinger im Köllnischen Park gefeiert

Lothar Heinke

Tusch für einen runden Geburtstag der besonderen Art: Heute vor 725 Jahren erschien zum ersten Mal der Bär im Siegel eines offiziellen Dokuments, und das gleich in doppelter Ausführung: Zwei Bären stehen neben einem behelmten Adlerschild mit der Umschrift „Sigillum Burgensium de Berlinsum“, also „Das Siegel der Bürger von Berlin bin ich“. (Das gute Stück liegt, sicher und gut verwahrt, in unserem Stadtmuseum).

Ein Gildebrief der Kürschner wurde auf diese Weise am 22. März 1280 besiegelt; die Ratsherren der jungen Stadt Berlin lagen also nicht faul auf der Bärenhaut, sondern taten etwas für den Mittelstand, und die Sache mit dem Berliner Bären war durchaus kein Bärendienst, den sie den kommenden Generationen erwiesen: Das kraftvoll-gemütlich-brummigtapsige Wesen fungierte fortan als offizielles Maskottchen der Stadt Berlin, es war eine Amtsperson auf vier Beinen, die zunächst noch (1338) unterm Brandenburgischen Adler gebückt ging oder sogar von diesem Zeichen des Markgrafen von Brandenburg okkupiert war. Aber eines Tages stand das Wappentier auf und präsentierte sich in seiner ganzen Größe selbstbewusst, stolz, kampfeslustig, auf jeden Fall ein bisschen neugierig aufrecht auf seinen Hinterbeinen. Und es wanderte aus der Enge von Bärensiegel und Ämterstuben in die Welt hinaus.

Der Bär wird zur Marke, zum Inspirator für Kunst und Kommerz, er ist weltweiter Botschafter, Berliner Urvieh zum Kuscheln und Knuddeln – wir lieben ihn. Der so besungene „kleine Bär von Berlin“ ist für viele ein großes Stück Heimat.

Unsere quicklebendigen Wappentiere Tilo, Maxi und Schnute empfangen morgen um 12 Uhr bei einem kleinen Volksfest an ihrem Zwinger im Köllnischen Park allerlei Leckerbissen, auch der Verein Berliner Bären ist da mit seinem Vorsitzenden Bernd Unger, der ein schönes Buch über Berlins Bärengeschichte (Waxmann Verlag, Münster) geschrieben hat.

Unzählige Bären begleiten uns – auf den Wagen der BVG, an den Uniformen der Polizei, auf den rot-weißen Fahnen der Stadt und im Emblem des 1. FC Union. 19 Vereine nennen sich nach dem Wappentier, einst gab es eine Berliner Bärenlotterie, Film-Star ist der Goldene Bär, beim Berliner Pilsner balanciert der Petz ein Tablett mit drei Gläsern über dem Kopf. Im Laufe der Jahrhunderte wollten immer mehr Mitmenschen vom Bären abstammen – 358 Bär- oder Baer-Einträge stehen im Telefonbuch. Dagegen gibt es keine einzige Bären-, nur eine Behrenstraße. Mannigfach die Bildende Bären-Kunst: In Mauervorsprüngen, an Rathäusern, auf Freiflächen (an der Heerstraße), im Tierpark als Skulpturen oder als Steinplastik tummelt sich der Bär ebenso wie in Firmennamen: Chef vom Bär-liner Fernsehdienst in der Sonnenallee ist freilich nicht Herr Bär, sondern Yilmaz Gümüs. Schließlich das bärenstarke Kapitel „United Buddy Bears“: Die bemalten Gesellen schwimmen gerade in Containern nach Tokio, wo sie sich ab 4. April mit ihrem bunten Freundschaftskreis als Berlin-Botschafter präsentieren, der Bundespräsident und Japans Premier geben ihren Segen – oh, Teddy-Buddy, weit hast du es gebracht.

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