Berlin : "Eine Atomisierung des Arbeitsmarktes"

SIGRID KNEIST

610 Mark-Jobs: Nicht nur in Gastronomie, Gebäudereinigung und Einzelhandel sind sie inzwischen RealitätVON SIGRID KNEIST BERLIN.Für die Gewerkschaften sind sie ein rotes Tuch: geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, auch 610-Mark-Jobs genannt.Arbeitssenatorin Christine Bergmann spricht von einer "Atomisierung des Arbeitsmarktes", da die Tendenz zunehme, einstige Vollzeitarbeitsplätze in mehrere Jobs unter der Geringfügigkeitsgrenze zu teilen.Wie die Gewerkschaften tritt sie für eine Befreiung von der Sozialversicherungspflicht lediglich bei Bagatellbeschäftigungen bis 85 Mark im Monat ein, nach den Vorstellungen des DGB soll diese Grenze bei 90 Mark liegen. Demgegenüber verweist der Einzelhandel auf die Notwendigkeit gerade dieser Jobs.Nach Auskunft des Verbandsgeschäftsführers Nils Busch-Petersen sind angesichts der prekären Situation im Einzelhandel besonders kleine Unternehmen darauf angewiesen, Personal nur stundenweise unterhalb der Sozialversicherungsgrenze einzusetzen."Es sind nicht die so oft gescholtenen Großen", sagt Busch-Petersen.Nach einer Untersuchung machten bei Einzelhändlern mit bis zu zehn Beschäftigten die 610-Mark-Arbeitskräfte 24 Prozent, bei Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten 12 Prozent aus. Laut Mikrozensus vom letzten Jahr gingen knapp 54 000 Berliner einer als geringfügig eingestuften Tätigkeit nach, gut zwei Drittel davon Frauen.Insgesamt sind dies 3,42 Prozent aller Beschäftigten.Im Jahr zuvor waren nur 37 100 geringfügig Beschäftigte ermittelt worden.Experten gehen davon aus, daß die Zahlen wesentlich höher sind, da der Mikrozensus immer nur Daten eines sehr kurzen Zeitraums erfaßt und deshalb nicht genau sein kann.Einer Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge arbeiteten im vergangenen Jahr bundesweit insgesamt 5,4 Millionen Menschen in versicherungsfreien Jobs, während die auf dem Mikrozensus beruhende Statistik lediglich von 1,6 Millionen Beschäftigten ausging. Vor allem in den Bereichen Einzelhandel, der Gastronomie und der Gebäudereinigung wurde schon immer viel mit Kräften in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen gearbeitet."Inzwischen sind diese aber nicht mehr nur auf diese Branchen beschränkt", sagt Petra Meyer, beim DGB zuständig für Arbeitsmarktpolitik und Gleichstellung.Auch in Anwaltskanzleien oder Arztpraxen sei es jetzt durchaus gängig, Arbeitskräfte entsprechend zu beschäftigen.Angesichts der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt nähmen viele eben lieber eine sozialversicherungsfreie Tätigkeit an, als erwerbslos zu sein.Viele dieser Beschäftigten seien darüber hinaus nur sehr unzureichend über ihre Rechte als Arbeitnehmer - beispielsweise beim Mutterschutz - informiert und scheuten häufig den Konflikt mit dem Arbeitgeber. Durch die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten vor einem Jahr beobachten die Gewerkschaften gerade im Einzelhandel einen verstärkten Trend zur Aufsplittung von Arbeitsverhältnissen.Genaue Zahlen gibt es aber nicht.Wie Ottwald Demele von der HBV sagt, betrifft dies vor allem die Lebensmittelfilialbetriebe.Sei früher eine Verkäuferin durch andere Tätigkeiten wie Regaleauffüllen von der anstrengenden Tätigkeit an der Kasse entlastet worden, ziehe man jetzt für diese Arbeiten unqualifizierte Beschäftigte in 610-Mark-Arbeitsverhältnissen heran. Daß es ohne Ausweitung der 610-Mark-Jobs geht, zeigt sich beim KaDeWe: Dort schlossen Betriebsrat und Geschäftsleitung eine Betriebsvereinbarung, daß keine weiteren Beschäftigungsverhältnisse unter einer Arbeitszeit von 20 Stunden wöchentlich geschlossen werden sollen.Nach Aussage der Betriebsratsvorsitzenden Christel Hünefeld ist das KaDeWe mit rund 2150 Beschäftigten ein Vorreiter in dieser Hinsicht in Berlin und kommt als großer Arbeitgeber seiner sozialpolitischen Verantwortung nach. Für Einzelhandelsverband-Geschäftsführer Busch-Petersen haben allerdings auch die 610-Mark-Jobs eine soziale Komponente: Sie ermöglichten beispielsweise Frauen nach einer Familienpause den Wiedereinstieg ins Berufsleben.Eine Studie des Bundesarbeitsministeriums von 1993 habe zudem gezeigt, daß 93 Prozent der geringfügig Arbeitenden keine Änderung ihres Beschäftigungsverhältnisses wollten.Außerdem stimme es nicht, daß sich die Arbeitgeber um Abgaben drücken wollten.Denn bei diesen Jobs müßten sie pauschal die Lohnsteuer in Höhe von 20 Prozent abführen.

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