Berlin : Eine Begegnung mit dem britischen Jungautor

Deike Diening

Wenn ein Eton-Schüler sich fragt: "Kann ich das überhaupt?", antwortet er in der Regel mit einem entschlossenen Ja und greift zu Griffel oder Ruder. In der kleinen britischen Welt der vorausgesetzten Intelligenz werden aufkeimende Fragen als Herausforderungen begriffen und nicht etwa als Grund zu ergebnislosem Zweifel. Als Richard Mason, gerade mal 18 Jahre alt und Eton-Absolvent, sich fragte, ob er wohl Schriftsteller sein könne ("das wollte ich immer schon"), setzte er sich also auf den Hosenboden und zwang sich zu 2000 Wörter pro Tag. Ein ganzes Jahr in Prag hatte er Zeit, bevor er nach Oxford gehen sollte. Ein Jahr, in dem er eigentlich für einen Verleger an einem historischen Tagebuchprojekt arbeiten sollte ("keine Ahnung, warum ich den Auftrag bekam, für das Bewerbungsgespräch hatte ich mich nicht wirklich vorbereitet"). Vor allem aber war es ein Jahr mit einem guten Alibi, um nebenbei einiges auszutesten. Zum Beispiel, ob Richard Mason Schriftsteller sein könne.

Als er so an seinem Schreibtisch saß und sich freute, daß man als Schreiber ("der Kopf und dein Laptop sind dein Zuhause") überall auf der Welt sitzen kann, sich weiter freute, daß er zum Geldverdienen in einem Jazzclub Klavier spielen konnte, genoß er dieses Spiel mit Klischees. "Viel Disziplin braucht man da", sagt Mason, der davon profitierte, daß man in Eton Disziplin auf jeden Fall beigebogen bekommt.

Herausgekommen ist "Der Liebesbeweis", ein Thriller, der die Tradition und die Gepflogenheiten der britischen Upper Middle Class beschreibt. "Eine Welt, zu der man von außen selten Zutritt erhält", sagt Mason, der, inzwischen drei Jahre älter, im Interconti auf dem Sofa hockt. Eine Welt, die er auch deshalb so genau beobachten konnte, weil er selbst Abstand zu ihr hat: In Südafrika geboren, kam er erst mit zehn Jahren auf die Insel. In seiner Familie wird "über Emotionen gesprochen", und er selber sieht seinen Charakter eher unbritisch. Zwei Arten von Briefen bekommt er jetzt zu seinem Buch: diejenigen, die schreiben, es sei ja alles sehr schön zu lesen, nur die Charaktere, die seien doch reichlich altmodisch. Und dann diejenigen, oft unter seinen Freunden, die sich ertappt fühlen und fragen, warum gerade sie in seinem Buch dargestellt werden. Am liebsten würde er eine große Party veranstalten und die beiden Lager sich treffen lassen. Dabei lag ihm ursprünglich gar nichts daran, die Charaktere von Freunden für ein Buch zu verwursten. Nur Spezies wollte er beschreiben und mitnichten ein Woody Allen der Literatur werden, der seine Freunde und deren Leben zwischen Buchdeckel preßt.

Wagemut muß man Mason lassen, denn sein Buch ist die Lebensrückschau eines 70jährigen Mannes, der soeben seine Frau umgebracht hat. Wenn der Klappentext dazu "verwirrende Gefühle und die Leidenschaften eines ganzen Lebens" verspricht, dazu ein Foto druckt, auf dem Mason mit aufgeworfenen Lippen wie das Mitglied einer Boygroup wirkt, dann ist ein Aufschrei vorprogrammiert: Ja, kann der das überhaupt? Man merkt Mason an, dass er schon öfter sein Alter, das noch nicht vorhandene, verteidigen mußte. Nicht jede Situation, über die er schreibt, auch erlebt zu haben, sei für ihn wichtig, sondern das Spektrum der Gefühle, die damit zusammenhängen, bis in die Extreme erlebt zu haben. "Und das habe ich", sagt er und guckt herausfordernd. Und wenn er die Klischees im Text verstreut, kann man manchmal gar nicht so sicher sein, ob er sie wirklich meint, oder ob er kichernd vor dem Laptop die englischen Klischees zu entlarven unternimmt. Und die Tatsache, dass ein Autor seine Phantasie einsetzt, um Welten zu beschreiben, die er selbst noch nicht kennt, kann man ihm wohl nicht zum Vorwurf machen. Es sind Nuancen der Sprache, ihre Macht und Komplexität und dann noch die psychologischen Vorfälle zwischen Menschen, die ihn interessieren. Inzwischen ist sein Buch in 21 Sprachen übersetzt. Aber man lasse sich nicht abschrecken: Drinnen sieht es nuancierter aus, als das schwülrote Cover vermuten läßt.

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