Berlin : Eine Curry mit Pommes ...

Bernd Matthies

Spötter, und es sind nicht wenige in Berlin, behaupten, es handele sich bei dieser Veranstaltung alljährlich um Volker Hassemers vorgezogene Weihnachtsfeier. Denn die Gala der "Berliner Meisterköche" ist vor allem seine Show, und die über 300 Gäste, überwiegend Mitglieder der "Partner für Berlin", folgen stets willig seinen Ausführungen. Kenner wissen: Nie und nimmer können die Köche den Zeitplan einhalten, und der Gastgeber hat deshalb reichlich Gelegenheit zu ausladenden Conferencen, die er überwiegend dazu nutzt, Interna seiner Tischgespräche auszuplaudern. In Ermangelung seines Lieblingsgegners Peter Strieder traf es diesmal Juliane von Friesen, Wolf Lepenies und ihre offenbar äußerst tiefschürfenden Fußballfachgespräche. Es ging darin, beispielsweise, um die Feinheiten des passiven Abseits. Was nichts mit den Köchen zu tun hatte. Wer zum Berliner Meisterkoch gewählt wird, steht aktiv im Mittelpunkt und kann von sich behaupten, die Berliner Gastronomie einen Schritt voran gebracht zu haben.

Ganz besonders gilt dies für Adlon-Küchenchef Karlheinz Hauser, der am Abend zusätzlich zum "Koch des Jahres" ernannt wurde und sich die Urkunde von seinem legendenumwobenen Lehrmeister Eckart Witzigmann in die Hand drücken ließ - zuvor hatte er den Saal mit einem Rehrückenfilet in knuspriger Brotkruste mit Gänseleber, Selleriemousselines und Essigkirschen erfreut. Nein, keine Anwesenheitslisten. Wer hier sitzt, zählt sowieso zu den Einflussnehmern und Bedeutungshabern der Hauptstadt oder ist zumindest mit einem/r solchen verheiratet. Ein paar Journalisten werden vorgelassen, zumal, wenn sie auch der Auswahljury angehören, ein paar Sponsoren dürfen überprüfen, was die Köche mit denen von ihnen gelieferten Köstlichkeiten anzufangen wissen, und die Köche haben offenbar die Möglichkeit, einen kleinen Fanclub und den einen oder anderen Leibarzt mitzubringen ...

Es zählt zu den Feinheiten der Feier, dass die Organisatoren des Hotels Intercontinental ihren großen Ballsaal jedes Jahr anders herrichten - diesmal gab es lange Tafeln mit feudalen Kerzenleuchtern, die eine Art Opernballatmosphäre heraufbeschworen, wenn auch ohne Walzer. Stattdessen kulinarischer Tanz, perfekt choreographiert angesichts einer so großen Zahl von Gästen. Der Aufsteiger des Jahres, Ralf Zacherl (Weinbar Rutz), hatte mit Aal-Zungen-Sushi und einer kuriosen Variante der Berliner Currywurst - ein Wurststück mit Pommes Frites am Spieß in ein Reagenzglas mit Tomaten-Curry-Essenz gestellt - den Auftakt gesetzt, Matthias Buchholz (First Floor) servierte Hummer auf Kalbshaxe mit Kohlrabischaum, Thomas Kammeier (Zum Hugenotten) Loup de Mer mit Papaya, Avocado und Minze, Kolja Kleeberg (Vau) Kabeljau im Steinpilz-Kastanienfond, Michael Hoffmann (Margaux) eingekochtes Müritzlamm mit Oliven und Creme von Vogelmiere, und nach dem Hauptgang von Karlheinz Hauser beendete Paul Urchs (Ritz-Carlton) die Gala mit seinen Variationen von Meraner Kurtrauben.

Was man so beendet nennen kann. Draußen vor der Saaltür hatten bereits die durchtrainierten Nervensägen von "Pomp, Duck and Circumstance" Aufstellung genommen, um die Gäste durch die Nacht zu foltern - blieben indessen viel freundlicher als in ihrer eigenen Show. Auf dem Herrenklo kam es sogar zu einem ernsthaften Fachgespräch zwischen Eckart Witzigmann und Maurice Fatal, dem blutrünstigen Ententöter, der sich freilich sehr friedlich gab. Viel Musik, viel alkoholhaltige Getränke und Häppchen für alle, die immer noch vom Hunger gequält wurden - es zeichnete sich eine lange Nacht ab. Wir gehen kein Risiko mit der Prognose ein, dass Volker Hassemer auch im nächsten Herbst wieder zu Tisch bittet wird, und dass der Zeitplan auch dann wieder hoffnungslos durchhängen wird ...

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