Berlin : Eine der populärsten Figuren West-Berlins kam zurück ins Rathaus Schöneberg

Elisabeth Binder

Sie war Berlins Antwort auf Jackie Kennedy: schön, charmant, elegant. Das war Anfang der 60er Jahre. An der Seite des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt empfing sie sehnsüchtig erwartete Staatsbesucher, verbreitete Glanz in der von so vielen Krisen geschüttelten Stadt. Nach der Scheidung 1980 zog Rut Brandt sich zurück. Nun kehrte sie noch einmal zurück an den Schauplatz großer und aufwühlender Momente in ihrer Zeit als erste Dame der Stadt.

Wenn man dieser Tage zum Rathaus Schöneberg kommt, fällt einem auf, wie lange man nicht mehr da war. Während dort hinten, jenseits des Potsdamer Platzes, die Bundespolitik ihre Wogen schlägt und alles ganz furchtbar wichtig ist, herrscht an diesem ehemaligen Schauplatz der Weltgeschichte eine seltsame Bezirks-Stille. Innen befinden sich allerdings die Bundeskanzler-Brandt-Stiftung, und (im Moment) eine riesige Menge Fotografen.

Natürlich ist Rut Brandt nicht zum ersten Mal wieder in der Stadt. Da inzwischen sogar zwei ihrer Kinder hier leben, kommt sie einige Male im Jahr zu Besuch, schon um ihre Enkel zu sehen, die einzig echten Willy Brandts. Aber sie scheut die Öffentlichkeit. Auch Interviews mag sie nicht geben. Offiziell hatte es seitens des August-Bebel-Instituts geheißen, die 79jährige sei zu alt. Wegen dieser Begründung war sie anfangs auch erst mit Verzögerung erkannt worden, denn die große Frau mit schwarzer Hose und rotem Jackett würde lässig wie eine 60-jährige durchgehen. Auf die Erläuterungen des Geschäftsführers der Stiftung, der sie durch die Ausstellung führt, reagiert sie fast nur mit einem interessierten "Ach so". Hier die silberne Schreibschatulle, die bei ihrem Besuch im Mai 1965 die britische Queen dem Regierenden Bürgermeister übergab, dort ein Bild von Willy Brandt, wie er zwischen Adenauer und John F. Kennedy im offenen Wagen stand. Von der Geburtsurkunde bis zur Todesanzeige ist vieles dokumentiert. Aber es ist eben alles auch schon sehr lange her. Und wenn man selbst altgediente SPD-Leute wie Walter Momper fragt, ob sie sich noch an ihre erste Begegenung mit Rut Brandt erinnern können, bekommt man zur Antwort, dies sei eigentlich die erste richtige. Allerdings kenne man "die Witwe". Die Witwe, so wird allgemein vermutet, muss wohl auch ein Grund sein, warum Frau Rut die Öffentlichkeit sonst meidet, denn in Berlin, jedenfalls in jenem Teil, der sie noch live erlebt hat, ist sie immer noch immens populär. Wenn man die älteren Leute im Publikum der (nicht-öffentlichen) Veranstaltung nach ihr fragt, bekommt man Beschreibungen wie "Lichtgestalt" oder "guter Stern".

Die anschließende Lesung findet im ehemaligen Fraktionsraum der SPD statt, wo einst auch Willy Brandt zum Regierenden Bürgermeister nominiert wurde. Eine kurze Einführung von Anne Momper über das Leid der Politikerfrauen. Dann eine Charme-Probe des Ehrengastes. Rut Brandt liest mit ihrem ganz leicht lächelnden, norwegischen Akzent aus "Freundesland" und aus noch unveröffentlichten Texten vor. Erinnerungen an die bitterarme, aber glückliche Kindheit in Norwegen, eindringliche Eindrücke von der Zeit nach dem Krieg im zertrümmerten Berlin, lustige Impressionen von den Komplikationen mit dem Protokoll. Im Publikum Schulsenatorin Ingrid Stahmer, die "nach all dem Schrecklichen der letzten Wochen hier mal was Tröstliches", findet, Bundestagsvizepräsidentin Anke Fuchs und der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Schütz. Nicht enden wollender Beifall. Schon am Morgen hatte sich Rut Brandt, begleitet von ihrem Lebensgefährten, dem prominenten dänischen Journalisten Niels Norlund auf Nostalgie-Tour zu ihren alten Berliner Wohnorten begeben. Aber so eine richtige Meinung zum neuen Berlin hat sie noch nicht. Es ist, das merkt man gerade an diesem Abend, auch wirklich sehr anders.

Der eindrucksvollste Moment ist der letzte. Da steht sie mit zwei großen Blumensträußen, umringt von ihrer Familie, auf der nächtlichen Rathaus-Treppe. Diesmal war sie der Star.

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