Berlin : „Eine dumme Geschichte“

76-Jähriger streitet ab, den Hiphoper Maxim erstochen zu haben

Annette Kögel

Es klingt idyllisch, das Vogelgezwitscher. Doch was dann auf dem Polizeiband im Kassettenrekorder zu hören ist, holt die Anwesenden in Saal B 129 des Landgerichts auf den Boden zurück. „Ist dort die Volkspolizei?“, hört man eine Stimme fragen. „Ich hab’ da einem ein Messer reingezogen.“ Der Mann, der am 13. Juni 2003 die Polizei informierte, muss sich seit gestern vor Gericht verantworten. Dem 76-jährigen Werner P. aus Köpenick wird laut Anklageschrift vorgeworfen, „einen Menschen getötet zu haben, ohne Mörder zu sein“. Durch den Stich seines Springmessers starb das Breakdance-Idol Attila Murat Aydin, mit Künstlernamen „Maxim“, an seinem 33. Geburtstag.

Für den früheren Elektromaschinenschlosser mit einem Enkel im gleichen Alter wie das Opfer war das „eine dumme Geschichte, die mir da passiert ist“. In der Anklageschrift klingt das anders: P. „stieß unter billigender Inkaufnahme seines (Maxims) Todes und ohne rechtfertigenden Grund“ seinem Gegenüber das „Springmesser in die Brust“. Wie aber hat sich der tödliche Konflikt zwischen dem Grauhaarigen und dem 42 Jahre Jüngeren zugetragen? Da bekamen die Anwesenden im voll besetzten Saal gleich drei Versionen zu hören.

So die Beschreibung des Angeklagten: Der „Geschädigte“, wie P. sagte, und ein weiterer Mann seien auf ihn zugetreten. „Stell die Taschen hin“, habe ihn Maxim roh aufgefordert. Der Hiphoper wollte P. zur Rede stellen, weil dieser seine Frau zuvor in einem Köpenicker Supermarkt des Diebstahls bezichtigt hatte. Die Männer hätten sich kurz entfernt, dann sei es „zu einer zweiten Attacke gekommen“: Die „Jugendlichen“ wollten ihm beide Einkaufstaschen aus der linken Hand reißen, was ihnen aber nicht gelungen sei. Da habe er Angst bekommen und zeitgleich mit der rechten Hand sein Gartenmesser gezogen, um die beiden zu warnen – Aydin müsse ihm ins Messer gefallen sein. Raunen im Saal.

Im Obduktionsbericht ist nachzulesen, dass das neun Zentimeter lange Messer über 13 Zentimeter tief in der Brust steckte – da muss P. aktiv zugestochen haben, meint hingegen Andreas S., Maxims Freund und Zeuge. Seine Version lautet so: Maxim habe den Rentner „freundlich und gut gelaunt“ angesprochen. „Dann hat P. eine schubsende Bewegung gegen Maxim gemacht. Sekundenbruchteile später habe ich seine Hand vor seiner Brust gesehen“, sagte der 23-jährige Lehrling zum Elektroinstallateur. An seinen in einer Tonlage bleibenden Worten ist zu spüren, das er den Tag nicht zum ersten Mal schildert. Als ihm die Tränen kommen, reicht ihm die Richterin ein Taschentuch . Dann folgt die dritte Beschreibung. Ein Augenzeuge hat aus einem Auto heraus gesehen, dass Maxim dem Alten hinterhergerannt sei und ihn am Kragen gepackt habe. Davon hatte aber P. selber nicht berichtet. Bleiben drei Verhandlungstage – auch um zu klären, wie Maxim den Mann, den er noch nie zuvor getroffen haben soll, auf der Straße identifizierte. Und warum P. nach der Tat beinahe triumphierend in Pressekameras lacht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben