Berlin : „Eine egoistische Entscheidung“

Wie die Wähler in der PDS-Hochburg Marzahn-Hellersdorf auf Gysis Rückzug reagieren

NAME

Hellersdorf-Marzahn, die PDS-Hochburg am Tag nach dem Rücktritt von Gregor Gysi. Unter den PDS-Wählern hat die Nachricht von Gysis Abschied Enttäuschung ausgelöst. Sie fühlen sich im Stich gelassen von ihrem populären Spitzenkandidaten, der in seinem Wahlkreis 51 Prozent der Stimmen bekam. „Es ist eine sehr egoistische Entscheidung“, kommentiert ein Rentner im Stadtteilzentrum „Helle Mitte“ den Schritt Gysis.

„Wir haben ihn gewählt, und er wirft einfach das Handtuch“, sagte auch Anneliese Bosse. Auch andere Bewohner kritisieren, dass sich der Wirtschaftssenator so einfach vor seiner politischen Verantwortung drücke. Schließlich habe man gerade in ihn Hoffnung gesetzt, auf seine politische Erfahrung und sein Durchsetzungsvermögen, sagt ein 40-jähriger Mann.

Vor allem die Älteren, die sich am gestrigen Vormittag in der „Hellen Mitte“ aufhielten, befürchten, der Schritt des Politikers werde sich auf die kommende Bundestagswahl auswirken.

„Die PDS wird jetzt keine Chance mehr haben, über fünf Prozent der Wählerstimmen zu bekommen“, ist sich eine Mittfünfzigerin ziemlich sicher. Ihr Mann sagt, Gregor Gysi sei mit seinem Ressort überfordert gewesen. Und er vermutet, dass Gysi noch andere Gründe für seinen Rückzug hat. Vielleicht auch die zunehmende Distanz Gysis zur PDS, wie ein junger Mann vermutet. Nach Ansicht des Studenten sei Gysi ohnehin in der falschen Partei gewesen. „Ich bin davon überzeugt, als SPD-Mann wäre Gysi nicht zurückgetreten“, meint der Marzahner. Für Roswitha Anderson-Fast am Wurstwarenstand im „Brandenburg-Markt“ beweist der Fall Gysis einmal mehr: „Man kann heutzutage keinem Politiker mehr trauen.“ Doch in den Ärger mischt sich auch Bedauern. „Gysi lässt sich hängen wegen der Bonusgeschichte und zieht sich einfach aus der Affäre“, sagt sie. „Das hätte ich nicht erwartet.“

Viele Bewohner des Plattenbaubezirks beschäftigte die Frage, wer jetzt „die politische Lücke“ im Senat erseten soll. Aus Sicht etlicher PDS-Anhänger habe die Partei „in den eigenen Reihen" niemanden von Format. „Alles was jetzt kommt, sieht nach einer Hilfsbesetzung aus“, sagt Birgit Weber.

Und ein junger Mann aus Lichtenberg erklärt, wahrscheinlich hätte Gregor Gysi besser das Kulturressort übernehmen sollen. Dann wäre sein Abschied als Senator wenigstens ein „kulturvoller Abgang". Steffi Bey

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben