Berlin : Eine Frage des Takts

Pro & Contra: Soll es an Ampeln Vorrangschaltungen für Radfahrer geben?

Jörn Hasselmann

Zwei Radfahrer starben allein in der vergangenen Woche durch rechts abbiegende Lastwagen: Beide Radfahrer wurden übersehen, beide waren im „toten Winkel“. Seitdem wird diskutiert, wie Radler besser geschützt werden können. Der Radfahrclub ADFC fordert einen zusätzlichen Außenspiegel für Lkw und weiß markierte Radspuren auf der Fahrbahn. Die sind deutlich billiger und sicherer als die Radwege auf dem Bürgersteig. Derzeit gibt es 55 Kilometer Radspuren, weitere 40 Kilometer sind geplant. Für die bestehenden Radwege empfiehlt die Polizei Vorrangschaltung für Radfahrer – die Radampel springt dann einige Sekunden vorher auf Grün. So bekommen Radfahrer an Ampeln einen kleinen Vorsprung vor anfahrenden Autos und kommen ins Sichtfeld der Autofahrer. Denselben Zweck haben einige Meter vorgezogene Haltelinien an Kreuzungen. Solche Vorrangschaltungen gibt es bislang nur selten in der Stadt; in der Regel an Kreuzungen, die in den vergangenen Jahren umgebaut wurden. Um alle Ampeln in der Stadt neu zu schalten, fehlt nach Angaben der Verkehrsverwaltung das Geld. Aber auch bei den neuen Ampeln ist das Ergebnis nicht immer unbedingt radfahrerfreundlich. So leuchtet das Radfahr-Grün am Potsdamer Platz zum Beispiel nur eine knappe Sekunde früher auf.

In der Regel bevorzugen die vor allem in den 80er Jahren installierten Radfahrerampeln die Autofahrer. Denn ihre kleinen Lichter springen wesentlich früher auf Rot. Ein Beispiel: An der Kreuzung Anhalter Ecke Stresemannstraße (hier wurde 1999 eine Radfahrerin von einem rechts abbiegenden Lkw getötet) zeigt die Radfahrerampel zehn Sekunden früher Rot. Gesamte Grünzeit für die Radler: acht Sekunden. Diese Benachteiligung ist kein Versehen. Die Autofahrer haben deutlich längere Grünzeiten, weil sie auch schneller über die Kreuzung kommen.

Vor fünf Jahren wurde begonnen, die Radampeln abzubauen, nachdem per Gesetz die meisten Radwege aus der Benutzungspflicht entlassen wurden. Denn Radfahrer auf der Straße müssen sich bislang nach der Autoampel richten, dies schreibt die Straßenverkehrsordnung vor. Um Autofahrern nicht längere Rotzeiten zuzumuten, griff die Senatsverkehrsverwaltung an vielen Kreuzungen zu einem Trick: Zehn Meter vor der Ampel wird der ansonsten freigegebene Radweg durch ein blaues Schild benutzungspflichtig erklärt. Radfahrer werden dort mit einem Schlenker auf den Bürgersteig-Radweg geleitet. Der ADFC kritisiert das als extrem gefährlich: Denn dort geraten Radfahrer wieder in den toten Winkel.

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