Berlin : Eine Frau für die Führung

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Manchmal drohen die besten Aktionen an Banalitäten scheitern. Die europäischen Gewerkschaften wollen in Straßburg mobil machen gegen die Dienstleistungsrichtlinie, und die Berliner Verdi- Kollegen dürfen nicht fehlen. Aber in der ganzen Stadt gibt es keine Hotelzimmer mehr. Sollen die Verdi-Leute deswegen zu Hause bleiben? Auf keinen Fall, findet Doro Zinke. Sie hängt sich ans Telefon, ruft eine Freundin in einem elsässischen Dorf an und bittet sie in fließendem Französisch, etwas für die Kollegen zu finden. Wie gut, wenn man für solche Fälle Kontakte hat. Doro Zinke ist zufrieden und zündet sich eine Zigarette an.

In der Berliner Gewerkschaftsszene ist die 51-jährige Verdi-Frau mit dem graumelierten Kurzhaarschnitt ein neues Gesicht. Gerade ein Vierteljahr ist sie in der Stadt – und schon hat man ihr einen Job oben in der Gewerkschaftshierarchie angetragen. Für Berliner Verhältnisse mit starken Beharrungskräfte ein Novum. Zinke wird auf der Bezirkskonferenz des DGB am Freitag als einzige Kandidatin für das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden von Berlin-Brandenburg antreten. Mit ihrer Berufsgeschichte stellt sie den Gegenentwurf zum bisherigen Vize Bernd Rissmann dar, der – seit Jahrzehnten verwurzelt im Berliner DGB und seit zwölf Jahren in diesem Amt – nicht mehr antritt.

Zinke begann ihre Laufbahn 1973 in Nordrhein-Westfalen bei der damaligen ÖTV, als deren Vorsitzender Heinz Kluncker noch zweistellige Tarifabschlüsse durchsetzen konnte. Die letzten sechs Jahre verbrachte die Gewerkschaftsfrau aber in Brüssel. Dort übernahm sie 1999 den Job der Generalsekretärin der Europäischen Transportarbeiterföderation, einer reinen Männerdomäne. Zudem seinerzeit eine Vereinigung mit schlechtem Ruf, die auf der schwarzen Liste der Europäischen Kommission stand. Ihr Vorgänger hatte gut eine Million Euro unterschlagen, hinterließ marode Finanzen und eine undurchsichtige Buchhaltung. Und dann gab’s dort eine Putzfrau, die arbeitete nicht nur schwarz, sondern hielt sich auch illegal in dem Land auf. „Das geht für einen Gewerkschaftsverband gar nicht“, sagt Zinke. Auch mit den übrigen Problemen räumte sie auf. Für die Finanzen der Organisation fand sie eine französische Controllerin – heute jene Freundin im Elsaß, auf die sie auch bei Berliner Problemen zurückgreifen kann.

Im Herbst kam Zinke nach Berlin, zum Verdi-Landesverband. „Nach sechs Jahren Brüssel musste ich Verdi erst einmal lernen“, sagt sie. Das scheint geklappt zu haben. Die Idee für die DGB-Kandidatur stammt von Verdi-Chefin Susanne Stumpenhusen. Die beiden Gewerkschafterinnen kennen sich aus den Neunzigern, Zeit, als beide stellvertretende ÖTV-Landeschefinnen waren. Zinke in Nordrhein-Westfalen, Stumpenhusen in Berlin. Für Zinke liegen dazwischen zwar etliche Jahre Brüssel, aber ein gutes Netzwerk hilft auch nach längerer Zeit. sik

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