Berlin : Eine Frau im Visier der Feierabend-Gestapo

Frank Jansen

Der Anrufer meldete sich am Morgen des 9. November, des Jahrestages von Reichspogromnacht und Hitlerputsch in München. "Wir kriegen dich, du linke Ratte", sagte der Mann, "wir wissen, wo du wohnst". Die freie Journalistin Simone S. erschrak. Der anonyme Anrufer gab noch Obszönitäten von sich, dann legte er auf. In der Nacht meldete sich wieder ein Mann, vermutlich derselbe wie am Morgen. "Wir kommen dich jetzt holen", drohte er, und ließ erneut unflätige Sprüche ab. Doch Telefonterror genügte ihm offenbar nicht. Am 10. November entdeckte der Hausmeister der Mietskaserne in Prenzlauer Berg, in der Simone S. früher gewohnt hatte, Nazi-Parolen wie "SA voran", Hakenkreuz und SS-Runen. Die Schmierereien fanden sich an der Außenwand und im Flur - neben dem Eingang zur einstigen Parterrewohnung der 37-jährigen Frau.

Die Hausverwaltung ließ die Parolen übertünchen, doch zwei Wochen später war es erneut soweit: An die Hauswand war ein Hakenkreuz geschmiert, im Eingang stand in meterhohen Buchstaben: "Simone, pass auf" - die beiden S-Buchstaben des Wortes "pass" hatten die Form von SS-Runen. Daneben stand: "Wir kriegen dich." Simone S. lebt in Angst.

Wieder einmal. Die Bedrohung der Berliner Journalistin hat möglicherweise eine andere Dimension als die üblichen Gebärden der rechten Szene. 1999 und 2000 wurde Simone S. mit Namen, Adresse, Telefonnummer und weiteren Angaben in steckbriefartigen Listen genannt, die Neonazis zusammengestellt hatten. Die Spitzelei firmiert in der Szene als "Anti-Antifa-Kampagne". Seit 1992 versuchen Neonazis, im Stil einer Feierabend-Gestapo ihre Gegner auszuspionieren. Dazu zählen Linke, Juden, Polizisten, Staatsanwälte, Juristen, demokratische Politiker jeder Couleur - und Journalisten.

1999 stand Simone S. auf der Liste einer "Anti-Antifa-Kurpfalz". Dahinter steckten zwei Neonazis in Rheinland-Pfalz, die offenkundig über einen längeren Zeitraum Informationen von Berliner Rechtsextremisten erhalten hatten. Die Liste erregte Aufsehen, weil auch die damalige Bürgermeisterin von Hohenschönhausen, Bärbel Grygier, genannt war. Die zweite Liste war Teil einer Publikation namens "Frontkämpfer". Auch hierfür sind wahrscheinlich die beiden Neonazis aus Rheinland-Pfalz verantwortlich.

Warum Simone S. auf den Listen stand, ist ihr rätselhaft. Sie habe sich nie mit Rechtsextremismus befasst, sagt die Journalistin. Vermutlich hat es den Neonazis gereicht, dass Simone S. in den 90er Jahren Redakteurin der PDS-nahen Tageszeitung "Neues Deutschland" war. In der ersten Liste wird S. in einer Rubrik "Gesinnung/Partei" als "linke Schreiberin" bezeichnet.

Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt gegen Unbekannt. Welche Verbindung es zwischen den Verfassern der Steckbrieflisten, dem anonymen Anrufer und den Parolen-Sprayern gibt, ist unklar. Verfügen Neonazis in Prenzlauer Berg über Spitzellisten? Nahmen sie das historische Datum des 9. November zum Anlass, eine angeblich in der Nähe wohnende Journalistin zu terrorisieren? Sind die Täter Stammgäste der Eckkneipe nahe der früheren Wohnung von S.?

Nachbarn berichten, dass in dem Lokal Skinheads verkehren. Im April hätten hier Rechtsextremisten ein Treffen veranstaltet. Nachts seien dann "Glatzen" aus der Kneipe gestürmt und hätten auf der Straße einen jüngeren Mann zusammengetreten. Bei der Polizei gibt es zu den Beobachtungen der Anwohner keine Auskunft, obwohl Beamte am Tatort erschienen sein sollen.

Die Sicherheitsbehörden vermuten allerdings, dass ältere Anti-Antifa-Listen noch "vagabundieren" - obwohl mehrere Adressen und andere Angaben über die ausspionierten Personen längst nicht mehr stimmen oder nie gestimmt haben. Bislang habe sich jedoch nicht feststellen lassen, dass die Steckbrief-Sammlungen Neonazis animierten, Straftaten zu begehen, sagen Sicherheitsexperten. Der Fall Simone S. sei möglicherweise der erste, in dem sich ein Zusammenhang zwischen Anti-Antifa-Listen und handfester Bedrohung herstellen lasse. Bekannt ist allerdings, dass ein Treptower PDS-Mitglied, den die "Anti-Antifa-Kurpfalz" nannte, 1997 nur knapp einem Rohrbombenanschlag entging.

Simone S. versucht, ihre Angst in den Griff zu bekommen. Obwohl sie sicher ist, dass die Neonazis ihre neue Adresse nicht kennen, übernachtet die Journalistin bei Freunden. Und hofft, dass der Spuk ein Ende nimmt.

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