Berlin : Eine Geschichte vom mutigen Sterben

Aufstehen und weitermachen – trotz und vielleicht gerade mit Krebs: Safinaz Hallioglu läuft seit 13 Jahren dem Tod davon. Sie hat nicht mehr viel Zeit, aber sie fragt nicht: Wieso ich? Kraftverschwendung, findet sie

Constanze von Bullion

Dies ist eine Geschichte vom Leben. Und davon, wie man es überredet zu bleiben, obwohl es sich längst verabschieden will.

Safinaz Hallioglu ist so eine Frau, der man nicht ansieht, dass sie Kraft hat wie ein Ringer und einen außergewöhnlichen Dickschädel. Sie wiegt noch 43 Kilo, und wer nicht weiß, was da in ihr geschieht, könnte die Wölbung unter dem Kleid für eine Schwangerschaft halten. Jetzt läuft sie im Wohnzimmer herum, legt die Hand mal auf den Rücken, mal auf den Bauch, und es ist wohl einer der Momente, in denen sie mit sich selbst verhandelt. „Gib mir noch eine Stunde, dann leg’ ich mich hin“, so vertröstet sie ihren Schmerz.

Es ist ein warmer Herbsttag in Berlin-Wedding, und in einer bescheidenen Neubauwohnung läuft eine Mutter dem Tod davon. Sie tut das so entschlossen und schon so lange, dass Ärzte längst von einem Wunder reden. Safinaz Hallioglu ist 42 Jahre alt und Augenärztin, sie hat drei Kinder und seit 13 Jahren Krebs, inzwischen sind fast alle Organe befallen. „Durchmetastasiert“, sagt sie und zeigt auf den Bauch, in dem sich Wasser sammelt. Schon vor Jahren hat man sie zum Sterben in ein Hospiz geschickt. Sie ist da wieder ausgezogen. „Natürlich.“

Nun klingen Geschichten von sogenannten Wundern natürlich immer kitschig und so, als würde sich da jemand eine trostlose Geschichte schönreden. Das Erstaunliche an Safinaz Hallioglu aber ist: Sie macht sich nichts vor, leidet wie ein Hund und strahlt dabei so viel Lebensmut aus, dass manche sie um ihre Kraft beneiden. Ihre Geschichte ist eine vom Aufstehen und Weitergehen – trotz und vielleicht gerade mit Krebs.

Safinaz Hallioglu hat einen Granatapfel aufgeschnitten und Tee gekocht. Jeder Handgriff ist jetzt eine bewusste Entscheidung. „Es kommt auf die Einstellung an, auf das Hoffnungsprinzip, man muss sich Ziele setzen“, sagt sie. 1970 kam sie aus der Türkei nach Berlin, in der Klasse war sie die einzige Fremde und bald die beste Schülerin. Als einziges von fünf Kindern hat sie studiert, hat einen Bauingenieur geheiratet, „ein wundervoller Mensch, attraktiv, ein toller Koch“.

So viele Superlative sind das, dass man sich fragt, ob dazwischen jemals Platz war für Zweifel. „Wenig“, gibt Safinaz Hallioglu zu, „ich muss schon sagen, dass ich sehr ehrgeizig war.“ Sie hat ein Leben im Zeitraffertempo geführt. Ihr erster Sohn Mohammed war sieben Monate alt, da wurde eine Hirnfehlbildung entdeckt. Zwei Monate später fand man bei ihr einen Tumor. Bei der Promotionsfeier war sie 29, hatte nur noch eine Brust und auf dem Arm ein schwer behindertes Kind.

Hiob, das ist der brave Mann in der Bibel, den Gott mit Qualen prüft. Hiob tobt natürlich und beschwert sich, bis er begreift, dass Leid keine Strafe ist.

„Warum gerade ich?“, diese Frage, die so viele Krebspatienten quält, stellt Hallioglu sich nicht. Kraftverschwendung, findet sie, und das Bild vom demütigen Hiob passt schon deshalb nicht, weil sie gläubige Muslimin ist. Sie hat sich auch immer geweigert, hinzunehmen, was ihr Schicksal zu sein schien: zu viel Kraft für zu wenig Leben zu haben, loslassen zu müssen. „Man kann doch nicht nur loslassen, man muss doch auch festhalten, die Liebe seiner Kinder zum Beispiel“, sagt sie.

Es gibt Ärzte, die sagen, dass Safinaz Hallioglu noch lebt, weil sie so einen starken Willen hat. Und es gibt Angehörige, die eben dieser Willen erschreckt hat. Manche haben nicht verstanden, warum sie sich gleich nach der ersten Krebsoperation wieder in Arbeit stürzte, monatelang ohne freien Tag. Dass sie wieder schwanger wurde, obwohl ihr Mann Angst um sie hatte. „Ich habe mich durchgesetzt. Gott sei Dank, sonst hätten wir die Kinder nicht.“ Erhöht eine Schwangerschaft nicht das Brustkrebsrisiko? „Natürlich.“

So klar allerdings ist die Sache nicht. Es gibt keine Studie, die belegt, dass eine Schwangerschaft nach Brustkrebs die Prognose der Patientin verschlechtert. Aber es stimmt, dass Mammakarzinome bei Schwangeren ungewöhnlich oft vorkommen, was daran liegen könnte, dass ihr Östrogen-Spiegel hoch ist, und Östrogene Krebs fördern können. Von 100 Frauen mit metastasierendem Brustkrebs überlebt im Schnitt eine.

Zahlen, Statistiken, Prognosen. Safinaz Hallioglu hat sie weggewischt, und das Leben schien ihr Recht zu geben. Fünf Jahre nach Mohammed kam ihr zweiter Sohn Yavuz, drei Jahre später der jüngste, Celil. Da hatte sie eine eigene Praxis, und die war voll, denn sie war die einzige türkischsprechende Augenärztin in Berlin. Im April 2002, als sich Rückenschmerzen meldeten, war ihr jüngstes Kind noch kein Jahr alt. Dann hielt sie ein Röntgenbild in der Hand, auf dem nur noch ihre halbe Lunge zu sehen war. Die Metastasen hatten auch Knochen und Leber angefallen. Bis zum Jahresende, sagte der Arzt.

„Ich hab gedacht, jetzt geht’s los“, sagt Safinaz Hallioglu – und meint das Kämpfen. Sich aus der Hand zu geben, das schaffte sie nicht einmal, als sie nach der ersten Chemo im Bett lag und zum Skelett abmagerte – und trotzdem ständig am Telefon hing. Sie übergab ihre Praxis. Richtete ihren Mann auf. Flog in die Türkei, die Verwandten trösten. „Sie sind nicht flugfähig“, warnte man. Sie flog.

Safinaz Hallioglu liebt diese Geschichten, weil sie darin die Unbezwingbare spielt. Sie erzählt auch gern, wie man ihr vor zwei Jahren erklärte, dass sie nun wirklich „hops gehen“ würde. Und wie sie das Hospiz wieder verließ, weil der Tod keinen Geschmack an ihr gefunden hatte. „Mein Körper ist nicht frei, aber ich bin es“, sagt sie. Und doch hat sie begonnen, Abschied zu nehmen.

Auf dem Tisch liegt ein Buch, es heißt „Für Dich“; es ist das zweite über sie und die Krankheit nach „Überlebensfeier“. In „Für Dich“, das sie auch in Lesungen schon vorgestellt hat, hat Safinaz Hallioglu für Kinder und Freunde Gedichte geschrieben. Das traurigste handelt von der Liste. „Wer braucht mich unbedingt, für wen muss ich leben“, hat sie sich mal gefragt – und die Liste gekürzt. Am Schluss blieb nur ein Name: Mohammed, ihr behinderter Sohn. Sie hat sich gezwungen, auch ihn zu streichen. Er wird es ohne sie schaffen, sagt sie. Schaffen müssen.

Safinaz Hallioglu kämpft jetzt mit den Tränen, sie wendet sich ab, guckt lange aus dem Fenster. Ihre Stimme ist leiser geworden, der Atem flacher, aber sie weicht den Fragen nicht aus, die jetzt kommen.

Doch, es gibt da eine Sache, vor der sie Angst hat. Es ist weniger die vor dem Tod, zu dem hat sie ein Verhältnis entwickelt. Es ist die Sorge, dass der Krebs sich ihren Geist holt. „Wenn ich mal komisch werde, dann denkt an mich wie ich wirklich bin“, hat sie ihren Angehörigen gesagt. Die Kinder haben natürlich Fragen gestellt.

„Mama, musst du sterben?“ - „Jeder muss sterben, aber keiner weiß genau, wann.“ – „Ich will aber nicht, dass du stirbst.“ – „Ich will es auch nicht. Aber wenn trotzdem was passiert, können wir uns treffen.“ – „Wie denn?“ – „Im Traum. Und wenn ihr irgendwann in den Himmel kommt, erwartet euch Mama schon.“ Die Haustür geht auf und herein kommt Cemel Hallioglu, der seiner Frau, ein Sekunde lang die Hand auf die Schulter legt. Dann ist der Schulbus da und bringt Mohammed. Er ist jetzt 13, kann mit Hilfe laufen und „Anne“ oder „Baba“ sagen. Safinaz Hallioglu freut sich, als sie ihn sieht, schlingt den Arm um ihn und bringt ihn hinüber zum Sofa. Dann gibt es Omelette und Salat mit Schafskäse. Sie haben Hunger, sie essen, sie leben.

Einige Tage später, Anruf von Safinaz Hallioglu. Es geht ihr schlechter, sie liegt jetzt viel.

Safinaz Hallioglu: „Für Dich. Lebensmomente. Gedichte in deutscher und türkischer Sprache“, Geest-Verlag 2006, 11 Euro. Und: „Überlebensfeier“, Geest Verlag 2005, 11 Euro

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