Berlin : Eine große Sängerin setzt auf ihr Gespür für vokale Gesten (Kritik)

Uwe Friedrich

Schon der lange und herzliche Begrüßungsbeifall macht klar: Hier wird ein Ritual zelebriert. Eine große Sängerin kehrt zu ihrer Fangemeinde zurück. Teresa Berganza wird bei ihrem Liederabend in der Deutschen Oper nicht nur für diesen Abend gefeiert, sondern gleichzeitig für die großen Verdienste einer beeindruckenden Karriere gewürdigt. Dabei wird jeder Liederabend überstrahlt von angenehmen Erinnerungen an frühere Auftritte, etwa in ihrer Traumrolle als Carmen, die sie auch in Berlin gesungen hat. Doch selbst mit dieser Vorgabe stimmte der erste Teil des Programms mit Liedern von Vivaldi, Carissimi und Scarlatti auch den Verehrer eher traurig. Technisch bereiten diese Werke der Mezzosopranistin zwar keine Probleme, doch gerade diese Kompositionen mit ihren stark zurückgenommenen Emotionen verlangen schlicht nach Stimmglanz, um zu wirken. Auch in den Rossini-Liedern, hochvirtuosen Miniaturen, kann Berganza nur bedingt überzeugen. Und dennoch ist die große Künstlerin beeindruckend in ihrer Stilsicherheit, ihrer Mimik und Gestik, dem Gespür für vokale Gesten. Besonders die elegischen Melodien Reynaldo Hahns im zweiten Teil kommen ihren stimmlichen Möglichkeiten entgegen. Durch den ganzen Abend zog sich jedoch das Gefühl größter Konzentration, als wolle Teresa Berganza ihrer Stimme noch einmal die Anstrengung des Liederabends abverlangen. Die Sicherheit des Loslassens, des Fließens der Töne konnte sich nicht einstellen. Erst beim musikalischen Schaumgebäck des Spaniers Jesús Guridi scheint für einige Momente die souveräne Musikerin Berganza auf, die in den Zugaben mit Offenbachs Schwipsarie noch einmal zeigt, wieviel Bühnentalent, Charme und Können ihr zur Verfügung stehen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben