Berlin : Eine Immobilie, die mal Operettenbühne war

Das Metropol-Theater gehört ab Freitag wieder dem Land. Eine verkorkste Rettung führt zu einem traurigen Ende

Thomas Loy

Das Metropol-Theater in der Friedrichstraße gehört vom heutigen Freitag an wieder dem Land Berlin. Die Rettung des altehrwürdigen, aber maroden Hauses ist damit wieder in weite Ferne gerückt. „Ertragsmaximal“ will Finanzsenator Sarrazin die „Immobilie“ vermarkten. Für viele Beobachter verbirgt sich hinter dieser kaufmännischen Vokabel das böse Wort: Abriss.

Wie konnte es so weit kommen? Und vor allem: Wer hat Schuld an diesem Desaster? Wer solche Fragen stellt, stößt auf eine Verkettung von Fehleinschätzungen und Ungereimtheiten. Beginnen wir im Jahr 2000: Berlins damaliger Kultursenator Radunski präsentiert der verblüfften Kulturgemeinde einen Investor für das leer stehende Metropol-Theater: die Stage Holding aus Holland. 50 Millionen Mark wolle die Firma in die Sanierung des Hauses stecken - ohne staatliche Subventionen. Das überzeugt. Ein Jahr später wird ein Vertrag gemacht: Stage Holding bekommt Haus und Grundstück umsonst und verpflichtet sich, im Gegenzug, mindestens 60 Millionen Mark zu investieren. Alles jubelt über die gelungene Rettung des Metropols. Verschwiegen wird, dass es eine Ausstiegsklausel gibt: Steigt die Investsumme im Laufe der Planungen auf mehr als 80 Millionen Mark, kann der Kaufvertrag rückabgewickelt werden.

Bald kommt es zur ersten Überraschung: Bei Vertragsabschluss wurde ein Teilgrundstück schlichtweg vergessen. Die Quadratmeterzahl steigt von 16 000 auf 24 000 Quadratmeter – entsprechend steigen auch die Kosten. Im März 2002 wird schließlich der Bauantrag gestellt. Die Investitionssumme ist mit 79,3 Millionen Mark beziffert. Ende April verkündet Stage-Holding-Chef Maik Klokow plötzlich, der Investbedarf liege bei 130 Millionen Mark. Dieses Risiko könne man nicht mehr allein schultern. Der Vertrag müsse wohl rückabgewickelt werden. Im Mai wird das Bauvorhaben gestoppt.

Merkwürdig ist der Zeitpunkt: Inzwischen ist die Stella-Tochter BMM, die das Musical-Theater am Potsdamer Platz betreibt, pleite gegangen. Damit wurde ein Theater frei, das ohne Sanierungsaufwand bespielt werden kann. Die Stage-Holding übernimmt das Haus und erhält später auch den Zuschlag für das Theater des Westens an der Kantstraße, das ebenfalls in wesentlich besseren Zustand ist als das Metropol. Klokow streitet einen Zusammenhang zwischen den Theater-Projekten allerdings vehement ab.

Der Senat willigt in die Rückabwicklung des Kaufvertrags ohne weitere Kostenprüfung ein. Über die Hintergründe hüllt man sich in Schweigen.

Vermögensgeschäfte würden generell vertraulich behandelt, sagt Claus Guggenberger, Sprecher der Finanzverwaltung. Man habe sich mit der Stage Holding eben geeinigt, das Metropol-Theater zurückzunehmen.

Klokow rechtfertigt die ominöse Kostenvermehrung: Im Bauantrag seien nur bauprüfungsrelevante Kosten ausgewiesen worden. Die gesamte Innenausstattung, Einrichtung von Küche und Restaurant, müsse noch addiert werden. Die Stage Holding habe hohe Ansprüche an Materialien und Verarbeitungsqualität. Ein Architekt, der das Bauvorhaben kennt, bezeichnet die Summe von 50 Millionen Mark Mehrkosten dagegen als „absurd hoch“. Dafür hat man andernorts ganze Musical-Theater gebaut. Ein Neubau mit 1500 Plätzen in Duisburg kostete 55 Millionen Mark, der Umbau des Bremer „Zentralbades“ war schon für 45 Millionen Mark zu haben.

Der Hausarchitekt der Stage Holding, Frans Diekmans, will zumindest einen Teil der Mehrkosten mit dem schwierigen Zustand des Hauses erklären. Der Keller führe Wasser und die alte Stahlkonstruktion müsse aufwendig brandschutzisoliert werden. Auch der Denkmalschutz habe die Kosten in die Höhe getrieben. „Von vornherein hätte klar sei müssen, dass 80 Millionen Mark nicht reichen würden.“ Diekmans erzählt, er habe im Haus alte Kostenschätzungen für die Sanierung gefunden, von anno 1987, 1992 und 1994. Alle hätten über 100 Millionen Mark gelegen.

Viel zu teuer für Berlin oder die Stage Holding. „Das ist jetzt ein reines Immobiliengeschäft – da sind wir nicht die richtigen“, sagt Klokow.

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