Berlin : "Eine Katastrophe, was in Genua passiert ist"

Christoph Villinger

Demonstranten verlieren selten ein gutes Wort über Staatsanwälte. Doch der 24-jährige Lehramtsstudent Steffen Sibler bescheinigt dem Oberstaatsanwalt Jürgen Heinke, dass dieser in den letzten Tagen eine Wandlung durchgemacht zu haben scheint. Bisher ist Heinke in Berlin vor allem durch sein hartes Vorgehen gegen linke und rechte Extremisten bekannt. Doch nun schlägt Heinke in der "Abendschau" ungewohnte Töne an: "Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was die Zeugen berichten, dann wäre es eine Katastrophe, was in Genua passiert ist."

Seit einer Woche sind die beiden italienischen Staatsanwälte Pinto und Zucca in Berlin, um mit Hilfe von Oberstaatsanwalt Heinke die Vorfälle in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli letzten Jahres in Genua aufzuklären. Damals überfielen, einen Tag nach den zum Teil gewaltättigen Protesten gegen den Gipfel der G-8-Staatschefs, Spezialeinheiten der italienischen Polizei 93 friedlich in der Schule Diaz schlafende Globalisierungsgegner. Die Polizei vermutete in der Schule militante Demonstranten. Sibler lag nach dieser Nacht mit einer Platzwunde und Prellungen drei Tage im Krankenhaus. Der 22-jährige Soziologiestudent Daniel Albrecht, ein weiterer der über 20 Berliner in der Schule, musste wegen einer Gehirnblutung sofort operiert werden. Er verbrachte zehn Tage im Krankenhaus. Beide stellten in Italien und auch in Deutschland gegen die unbekannten Polizisten Strafanzeige.

Diese Woche waren sie nun in einer "Doppelrolle als Zeugen und Beschuldigte" zur Staatsanwaltschaft nach Moabit geladen. Fünf Stunden dauerte bei Daniel Albrecht die Vernehmung, acht Stunden bei Steffen Sibler. "Ich wollte aber auch viel erzählen", sagt er. Für beide überraschend drehten sich die Fragen fast ausschließlich um die Ereignisse in der Schule: "Wo stand ich? Wo andere? Welche Uniformen trugen die Polizisten? Kann ich welche identifizieren?" Die Italiener haben mehrere hundert Kopien von Dienstausweisen mitgebracht, aber zum Teil sind die Bilder sehr undeutlich, zum Teil Jahre alt. "Und vom Gesicht kannst du noch lange nicht auf die Körperstatur schließen", sagt Albrecht. Die Polizisten waren vermummt. Sibler hat "eindeutig den Eindruck, dass die beiden Italiener an der Aufklärung der Wahrheit interessiert sind."

In den Gesprächen werden aus den oft sehr emotionalen Schilderungen der Berliner die Prozess relevanten Details herausgefiltert. "Da bekommt jede Blutlache einen Buchstaben", erzählt Albrecht, und aus einer Bekannten, die er in dieser Nacht für tot hielt, wird in der Beschreibung "eine regungslos in einer Blutlache liegende Frau."

Sibler ist überzeugt, dass "die Vielzahl der Zeugenaussagen so eindeutig ist, dass es zumindest zu einer Anklage gegen einige der Polizisten und ihre Vorgesetzten in Genua kommt". Doch "ein wenig mehr diplomatischen Druck von Joschka Fischer" wünscht er sich schon. Sorgen macht den Berlinern ein Problem, das sonst eher von konservativen Kreisen bei Gewaltopfern beklagt wird. Bis in Italien ein Urteil gesprochen ist, müssen sie ihre Anwälte über Spenden vorfinanzieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar