Berlin : Eine Kita für alle

Im Kinder- und Familienzentrum im Pestalozzi-Fröbel-Haus lernen auch Eltern

Susanne Vieth-Entus

Der Name ist Programm: Das Kinder- und Familienzentrum in der Schillerstraße ist mehr als ein gewöhnlicher Kindergarten. Wie ein Krake fährt es seine Fangarme aus, um auf jede erdenkliche Weise die Eltern seiner Kinder ins Haus zu holen. Da gibt es Elternkurse zur „Unterstützung in der Erziehung und Gesundheitsfragen“, Entspannungsangebote, Sonntags-Familienfrühstücke, Kreativangebote, Flohmärkte „Rund um das Kind“, jede Woche das „Offene Familien-Café“, Gartenaktionen und vieles mehr.

Eltern, die es gewohnt waren, in der Kita maximal bis zur Garderobe vorgelassen zu werden, kommen im Kinder- und Familienzentrum des Pestalozzi-Fröbel- Hauses aus dem Staunen nicht heraus. Hier kann man am Wochenende sogar gegen eine Spende Rä ume mieten, bekommt für den betroffenen Gebäudetrakt samt Küche einen Schlüssel und kann dann in der Kita samt angeschlossenem Riesen-Spielplatz tolle Familienfeste feiern.

„Die beste Kita-Arbeit bringt wenig ohne Einklang mit den Eltern“, lautet die Devise des Hauses. Vorgetragen wird sie von Jutta Burdorf-Schulz, die das Projekt zusammen mit ihrer Kollegin Renate Müller leitet. Ihre Erfahrung ist, dass man in frühen Jahren noch sehr viel bewirken kann bei den jungen Eltern: „Die Familien gucken doch erstmal hoffnungsfroh in die Zukunft, die Brüche kommen später.“ Um die Eltern an das Haus zu binden und sie an den Fortschritten ihrer Kinder bewusst teilhaben zu lassen,werden aber nicht nur die genannten Angebote gemacht: Das zweite besondere Standbein des Projektes ist die Dokumentation des Kita-Alltags: Für jedes einzelne Kind werden so genannte Entwicklungsordner erstellt. In ihnen halten die Erzieherinnen fest, was sie bei der Beobachtung der Kinder feststellen; sie beschreiben, wie sich die Kinder in bestimmten Situationen verhalten, woran sie Freude haben, wo ihre Interessen liegen, und sie fügen auch Fotos hinzu, die die Kinder beim Basteln, Malen und Spielen zeigen.

„Die Kinder sind so stolz auf ihre Ordner, dass sie inzwischen angefangen haben, eigene Ordner zu füllen“, erzählt Erzieherin Jutta Hillenkamp-Thöns. Da kommt hinein, was sie so an Bildern, Buchstaben und Zahlenreihen zustande gebracht haben. Lukas ist sehr stolz auf seine persönliche Blattsammlung. „Guck mal, hier sind Verkehrsschilder“, ruft er und zeigt auf eine ganze Reihe von Zebrastreifen, Haltesignalen und sonstigen Bildern, die alle einwandfrei als Verkehrsschilder zu erkennen sind. Der Fünfjährige kann auch schon gut Buchstaben schreiben. Als er über das „T“ fachsimpelt, sagt er: „T wie „Theodor-Heuss-Platz“.

Das Kinder- und Familienzentrum ist längst weit über Berlin hinaus bekannt. Ermöglicht wurde diese rasante Entwicklung allerdings nicht nur durch kreative Erzieherinnen und durch den Vorteil, zum Pestalozzi-Fröbel-Haus zu gehö ren, das selbst Erzieherinnen ausbildet. Vielmehr floss aus der Heinz- und Heide-Dürr-Stiftung in den vergangenen Jahren fast eine Million Euro in das anspruchsvolle Modellprojekt. Mit den Spendengeldern des Berliner Unternehmers Heinz Dürr war es möglich, sich an den Early-Excellence-Centers in Großbritannien zu orientieren, die Ende der 90er Jahre unter Tony Blair entstanden, um Kindern aus sozial benachteiligten Familien einen besseren Start ins Leben und eine bessere Vorbereitung auf die Schule zu ermöglichen.

Wer die Arbeit des Kinder- und Familienzentrums kennen lernen will, kann sich das Projekt auf Video ansehen. Nähere Infos unter www. dohrmann-verlag.de.

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