Berlin : Eine kleine weiße Wolke

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Ohne den Hinweis auf das hintersinnige Texträtsel im U-Bahnhof Westhafen und auch die mitgelieferte Aufklärung durch eine Leserin wäre mir eine kleine, von Hand an die Kachelwand des Tunnelmunds geschriebene Zeile verborgen geblieben. Sie lautet: Am hohen blaßblauen Frühlingshimmel stand eine kleine weiße Wolke. Wenn wir es nicht obenhin bei diesem kleinen Satz – womöglich einer Gedichtzeile – belassen, sondern darunter beim n Alfred Schmidt-Sas dessen Geburts- und Sterbedaten lesen, bekommt der Satz eine anrührende Bedeutung, jene eines letzten Augenblickes: geb. 26. 3. 1895 Zittau, gest. 9. 4. 1943 Plötzensee, geschrieben am 9. 4. 1943.

Wer zu jener Zeit in Plötzensee, unweit vom Westhafen, ums Leben gebracht wurde, kam durch NS-Henker um. Da schrieb einer in seinem ausweglosen Ausgeliefertsein diesen Satz, diesen himmelwärtigen Augenblick zur kleinen weißen Wolke hinauf. Sechs Jahrzehnte später lesen wir ihn – nun Kunst geworden – in einem U-Bahnhof als nachdenklichen Zusatz neben der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Diese wurden im U-Bahnhof durch lückenlose, interpunktionslose Aneinanderreihung ihrer Wörter künstlerisch hintersinnig zu einem vordergründigen Texträtsel verfremdet. Wir sollen uns durcharbeiten. Die Menschenrechte wurden 1948, fünf Jahre nach diesem Mord in Plötzensee, von den Vereinten Nationen erklärt. Eine kleine weiße Wolke trieb am 9. April 1943 am blaßblauen Berliner Frühlingshimmel dahin, verschmolz mit diesem sterbenden Blau. Und ich möchte mir vorstellen, dass dieser Augenblick dem, der ihn uns schriftlich hinterließ, ein himmlisches Trostzeichen gewesen sein mochte. Wie mich Mozarts Requiem beim Lacrimosa immer anrührt, wenn es stimmt, dass dort sein letztes Werk endete.

Wie gesagt, es bedurfte für mich des Hinweises einer Leserin, um von diesem recht nüchternen U-Bahnhof einen ungewöhnlichen Gebrauch zu machen. Er besteht darin, sich ungeachtet der ein- und ausfahrenden Züge, des Gehastes in Geduld zu üben , die lückenlos aneinander gereihten Wörter Worte werden zu lassen. Das unternahm die Leserin Frau Johanna Polatzek: Mit Schreibblock und Stift bewaffnet, versuchte ich, die Texte abzuschreiben. Nach dem zehnten der 30 Menschenrechts-Artikel, den sie in anderthalb Stunden abgeschrieben, das heißt entzerrt hatte, gab sie auf. Sie fotografierte alle Text-Tafeln, um sie daheim in angenehmerer Umgebung als einem zugigen U-Bahnhof lesbar zu machen. Auch bei der BVG fragte sie an, ob Erläuterungen der Künstler-Ideen zu bekommen seien. Und wurde damit versorgt. Warum die Künstler diese grundgültigen Texte so schwer zugänglich gemacht haben, leuchtete Johanna Polatzek nicht ein. Die Berliner seien zwar neugierig, aber Geduld auf einem U-Bahnhof sei nicht ihre Stärke. So bliebe es also auch hier nur wenigen Menschen wie Frau Polatzek vorbehalten, sich mit einem wichtigen Text und einiger Mühe an höchst ungewöhnlichem Ort auseinander zu setzen. Aber auf die Irritation setzten die Künstler in der Annahme, sie schärften den Blick aufs Rätselhafte. Das ist indes für diesen Ort, einen nicht gerade schäbigen, doch recht öden U-Bahnhof, füglich zu bezweifeln. Zu den wohl Wenigen, die berlinische Neugier mit unberlinischer Geduld in eins zu bringen verstehen, zählt Frau Polatzek. Und sie lässt daran teilnehmen. Was kann einem so wichtigen und weltweit zu wenig beherzigten Text wie jenem der Menschenrechte schon besseres passieren, als die hellwache Aufmerksamkeit einer geduldigen Berlinerin? Ihr ist zu danken, dass auch ein beiläufiger Tunnelmund-Satz gehört wird. Er gibt dem Zweifel an der Wirksamkeit formulierter Menschenrechte immerhin eine tröstliche Zuversicht: Am hohen blaßblauen Frühlingshimmel stand eine kleine weiße Wolke.

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