Berlin : Eine Konservative mit Attac-Ausweis

Brigitte Grothum ist die Muse des gereiften Bürgertums – und Globalisierungsgegnerin. Heute feiert sie 50. Bühnenjubiläum

Bernd Matthies

Wer als Schauspieler 50 Jahre lang in der Öffentlichkeit steht, der wird erbarmungslos auf zwei, drei Klischees festgenagelt. Brigitte Grothum kennt das Bild von sich ganz genau, zitiert es ohne Zögern mit sarkastischem Lachen: „Wallace, Grillwurst, Jedermann.“ 200 Fernsehproduktionen, unzählige Bühnenauftritte, Synchronrollen ohne Ende, 20 Kinofilme – aber hängen geblieben sind zwei Rollen als verschrecktes Beinahe-Mordopfer, 16 Jahre als gemütvolle Dame vom Grill und die zähe, nun auch schon 18 Jahre dauernde Arbeit an Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, jenem Stück, das vielen Kritikern als Inbegriff von Opas Theater gilt.

Brigitte Grothum nimmt diese etwas abschätzige Behandlung längst gelassen hin. Irgendetwas an ihr lädt offenbar dazu ein, dass man sie als Stereotyp behandelt, als West-Berliner Urgestein, Muse des gereiften Bürgertums, christdemokratische Galionsfigur.

Doch stimmt das? Sie packt den gläsernen Aschenbecher, dreht ihn zwischen den Fingern herum, spricht dann schnell, ohne Zögern, gelegentlich unterbrochen von einem Schluck aus dem Cola-Glas. „Wenn es nicht demokratiewidrig wäre“, sagt sie entschlossen, „dann würde ich zu den Nichtwählern gehören.“ Ja, sie hat 1999 auf dem CDU-Ticket der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten angehört, sie hat dann und wann in Sachfragen wie der Länderfusion Positionen der CDU unterstützt, „aber ich habe zu Eberhard Diepgen genauso Kontakt wie zu Walter Momper“. Und findet, dass sich beide Parteien in den letzten Jahren von ihren Wurzeln abgewendet haben, die SPD von der Idee der sozialen Gerechtigkeit, die CDU von ihrem christlichen Anspruch; die Grünen sind ihr wohl kulturell immer fremd geblieben.

Das sind nicht nur Lippenbekenntnisse. Brigitte Grothum ist eingeschriebenes Attac-Mitglied, unterstützt die globalisierungskritische Organisation, die sich zum Sammelbecken heimatloser Linker entwickelt hat. Und Hofmannsthals Gleichnis vom reichen Mann, der nur gerettet wird, weil er im letzten Moment den Glauben an höhere Werte wieder findet – das ist so etwas wie ihr humanitäres Manifest. Sie sieht sich nicht als religiös im engeren Sinn, gehört keiner Konfession an. Aber der Glaube an den Sinn des Humanistischen treibt sie voran, gibt ihr Energie. Dass im nächsten Jahr der 70.Geburtstag ansteht, ist kein Thema – sehen kann es ohnehin niemand.

Ein Leben auf der Sonnenseite, jedenfalls ganz überwiegend. 1935 in Dessau geboren, kam sie 1950 nach Berlin. Die geplante Ausbildung als Konzertpianistin scheiterte an einem gebrochenen Finger, doch der hinderte sie nicht am Schauspielen. Ausbildung bei den seinerzeit bekannten Lehrerinnen Marlise Ludwig und Herma Clement, erstes Engagement am Tempelhofer Zimmertheater, wo sie am 4. Dezember 1954 die erste Premiere erlebte, für zehn Mark Gage pro Auftritt. Schlosspark-Theater, erste Hauptrollen, Gastspiele – dann der Film. Artur Brauner verpflichtete sie, in einer seltsamen Vertragsform, die es heute nicht mehr gibt: Sie hatte zu spielen, was immer im Unternehmen an Rollen zu ihr passte. So geriet sie in die Edgar-Wallace-Filme hinein, konnte gut leben, ihr Spektrum erweitern.

Dazu kam ein Privatleben ohne Skandale, ungeeignet für Enthüllungsstorys; mit dem Orthopäden Professor Manfred Weigert, dem ehemaligen Mannschaftsarzt von Hertha BSC, ist sie demnächst 35 Jahre verheiratet. Das großzügige Haus in Nikolassee hat mal dem Boxpromoter Willi Zeller gehört, der klamm wurde und verkaufen musste.

Doch kein Leben ohne Niederlagen. Ihre größte war zweifellos der Versuch, 1991 das Brecht-Fragment „David“ aus der Versenkung zu holen und auf die Bühne des Hebbel-Theaters zu stellen. Die höhnische Reaktion der Kritik nahm ihr die Luft, machte sie lange Zeit unfähig zu neuer Arbeit. „Ein Vernichtungsfeldzug“, meint sie, „wahrscheinlich war die Inszenierung nicht gelungen – aber man hätte doch wenigstens die immense Arbeit anerkennen können, die drin steckte.“ Doch damals steckte sie schon zu tief im Klischee: Der verführerischen Überschrift „Brecht vom Grill“ mochte kaum ein Rezensent widerstehen.

Dem „Jedermann“ ging es im Grunde nicht sehr viel besser, doch der Publikumserfolg überdauert die ersten negativen Kritiken nun schon 18 Jahre. Bis zum 20. wolle sie unbedingt durchhalten, sagt Brigitte Grothum, zum Abschluss am liebsten mit allen bisherigen Jedermann-Darstellern im täglichen Wechsel.

Heute, zum Jubiläum, steht sie selbst auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm, in gleich fünf Nebenrollen im „Schwejk“. Der Plan, ihr ein Stück auf den Leib zu schreiben, war gescheitert, nun geht es bescheidener zu. Großer Rummel sei nicht geplant, sagt sie, „das ist ja keine große Sache“. Aber einem Sonderapplaus oder dem einen oder anderen Extra-Vorhang wird sie gewiss nicht aus dem Weg gehen.

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