Berlin : Eine kurze Geschichte der Zeit

Bekannte Berliner Handelsnamen sterben aus, Foto-Klinke ist nur ein Beispiel. Eine Erinnerung

Christian van Lessen

Foto-Klinke pleite? Wir wollen diese Hiobsbotschaften von Traditionsunternehmen nicht mehr hören. Klinke, das war ein Foto-Pionier, nicht wegzudenken aus Berlin, und nicht nur im westlichen Teil ein Begriff. Zu Klinke pilgerten die Fotofans von weither, manche liefen kilometerlang die Haupt- und Potsdamer Straße hinab, an der Ruine des Nazibaus „Haus des Tourismus“ vorbei, um dann irgendwo, kurz vorm Potsdamer Platz, abzubiegen. Und war es früher Winterabend, gab es in der Düsternis fast nur einen einzigen Lichtschein: den von Klinke.

Dort, in kriegszerstörtem Brachland, in Sichtweite des Hauses Huth, harrte Klinke in einem zum Flachbau gewordenen Haus aus. In seinem Fotoladen gaben sich die Kunden die Klinke in die Hand. Probierten – es waren die späten Fünfziger – die neueste blaue Super-Acht-Kamera von Bauer aus und brachten ihre Urlaubserinnerungen zum Entwickeln. Jahrzehnte später, mit den Neubauten am Potsdamer Platz, verschwand das Stammhaus. Das war kein gutes Omen.

Es ist ein Jammer mit den altgewohnten Handelsnamen, die gerade für ältere West-Berliner zum Begriff geworden sind. Machen wir, um sie ein wenig zu trösten, eine Reise in die sechziger, siebziger Jahre, sehen wir uns um, was die Einkaufszonen bieten. Wir gehen an der Tauentzienstraße vorbei, schauen in das Kaufhaus „Defaka“. Das ist die Abkürzung von Deutsches Familienkaufhaus und das verspricht auf lange Sicht keinen Geschäftserfolg. Wir laufen durch die großen Einkaufsstraßen der Bezirke, kommen an Schuhfilialen vorbei, die Schmolke und Stiller heißen. Die Schmolke-Werbung mit dem Spatz prangt an vielen Brandwänden. Wir schauen in die großen Lebensmittelgeschäfte von Carisch-Kaffee oder Gebrüder Manns hinein, erste große Supermärkte.

Wir kaufen bei Bolle Milch von der Meierei, und für die Kultur suchen wir bei Kiepert an der Hardenbergstraße was Passendes, schauen dann aber noch bei der Konkurrenz Elwert und Meurer am Innsbrucker Platz vorbei. Nicht weit davon, am Walther-Schreiber-Platz, gehört das Kaufhaus Held zu den Schnäppchen-Adressen, es ist beliebter als das Defaka. Radio Rading, gleich nebenan, kann sich vor Kunden kaum retten. Am Bahnhof Sonnenallee, mit der S-Bahn nur zehn Minuten entfernt , sind die Kajot-Moden ein Anziehungspunkt. Wir schauen bei Koffer-Panneck vorbei, bei den Filialen des Modehauses Boeldicke und ruhen uns im Café Huthmacher am Zoo mit Blick aufs Bilka und aufs Aschinger aus. Wir hätten auch das Schilling am Ku’damm nehmen können. In Zeitungsanzeigen werben das Resi in der Hasenheide und Walterchens Ballhaus am Bülowbogen, die Filmbühne Wien und das Marmorhaus. Den Werbespruch „Möbel Kunst, der wohnt, das weiß ich, Blücherstraße 32“ kennt die ganze Stadt, wie die Verse von Paech-Brot in der U-Bahn. Wir kauen Wittler-Brot und Schokolade von Hildebrandt aus Wedding. Wir sehen durch Ruhnke-Brillen, laufen in Leineweber-Hosen, bewundern Kadett-Modelle bei Opel-Finkbeiner.

Und nun sind wir wieder auf dem Teppich gelandet und zählen die altgewohnten Namen, die noch geblieben sind.

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