Berlin : Eine Legende, die nicht verblasst

Die vergötterte Preußen-Königin Luise gab ihr den Namen: Seit 1811 arbeitet die Stiftung erfolgreich

Andreas Conrad

Nach den Regeln von Tradition und Etikette hätte das Hochzeitsfest wohl so begonnen: Braut und Bräutigam stocksteif auf ihren Sesseln, davor die endlose Reihe der Gäste, angetreten, das Paar unter den vorgeschriebenen Kratzfüßen und Knicksen zu begrüßen. Nicht so an diesem 24. Dezember 1793 im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses: Gewiss, noch immer galt das jahrhundertealte Zeremoniell, aber die junge Braut, Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz, hatte es mit geringen Mitteln gehörig ins Wanken gebracht. Diesmal grüßte sie die Gäste, darunter sogar Bürgerliche, was früher undenkbar war. Ganz wie die spontane Umarmung eines weiß gekleideten Bürgermädchens, durch das Luise tags zuvor bei ihrer Ankunft Unter den Linden mit einem Gedicht begrüßt worden war.

Eine Legende zu gründen, bedarf es wenig, sofern nur dieses wenige auf fruchtbaren Boden fällt. Hilfreich ist in solchen Fällen ein früher Tod der verehrten Person, möglichst unter tragischen Umständen. Dass aber eine Institution wie die Königin-Luise-Stiftung auch zwei Jahrhunderte nach dem Tod der Namenspatronin wächst und gedeiht, ist schon erstaunlich, erhöht sie geradezu zu einer Art Urmutter des deutschen Stiftungswesens.

Luise! Generationen deutscher Frauen bekamen bei diesem Namen glänzende Augen. Schon zu Lebzeiten galt sie als Idealbild der deutschen Frau, voll anmutiger Natürlichkeit und heiterem Familiensinn, dem Manne eine Stütze selbst in großer Not, den zahlreichen Kindern eine fürsorgliche Hüterin, dazu selbstlose Landesmutter, die nach der Niederlage Preußens vergeblich Napoleon um Gnade bittet, sich immer mehr verzehrt und schließlich an gebrochenem Herzen den frühen Opfertod findet. Dutzende von Historienmalern und Biografen haben die wahre Luise hinter dicken Schichten von Anekdoten, Sagen, Sentimentalitäten verborgen. Oft dienten sie patriotischen Zwecken, um das Volk hinter der Galionsfigur einer „Preußischen Madonna“ zu einen.

Schon zu Lebzeiten der Königin, in dem für Preußen so fatalen Jahr 1807, wurde über ein Unterstützungskomitee ein Luisenstift „für arme Knaben“ gegründet, um die sozialen Folgen des verlorenen Krieges zu lindern. Es ist ebenso vergessen wie die alljährlichen Hochzeiten der Potsdamer „Luisenbräute“, unbescholtenen, doch bitterarmen Mädchen, denen eine kurz nach dem Tode Luises gegründete Stiftung die Aussteuer spendierte.

Die Berliner Königin-Luise-Stiftung aber, zu der bereits zwei Wochen nach dem Tode der Namensgeberin ein Spendenaufruf erging, sollte sich von der preußenweiten Fülle ähnlicher Unternehmungen glanzvoll abheben. Eine Gruppe von Notablen, überwiegend Staatsräten, wollten der Toten mit der Stiftung eine Art „National-Denkmal“ errichten, als tätige Form der Verehrung, um so zugleich für ein wieder erstarktes Preußen zu wirken: „Ihr Sinn für Häuslichkeit, Ihre treue Liebe zum Gemahl und zu Ihren Kindern, Ihr Gefühl für Alles, was gut und edel und groß ist, möge ruhen auf des Vaterlandes Töchtern, damit sie Ihren Gatten und Kindern das zu werden streben, was einst Preußens Königin Ihrem erhabenen Gatten und Ihren Kindern war!“ Am 19. Juli 1811, dem ersten Todestag Luises, wurde die Stiftung in Berlin gegründet. Als eine Anstalt zur Ausbildung von Erzieherinnen war sie beispielhaft für das frühe Bemühen des erstarkenden Bürgertums, sich nicht länger allein auf den – ohnehin geschwächten – Staat zu verlassen, sondern Eigeninitiative zu zeigen, selbstverständlich für König, Volk und Vaterland.

200 Taler betrug das Schulgeld, doch auch mittellose Mädchen wurden aufgenommen und zu Dienstboten ausgebildet. Schon bald gaben patriotisch gesinnte Eltern ihre Töchter gerne in das Internat, Gneisenau ebenso wie der Bildhauer Christian Rauch. Auch der Untergang der Krone 1918 konnte ihm nichts anhaben. Seit 1949 haben auch Knaben Zutritt, und heute ist die Königin-Luise-Stiftung in der Podbielskiallee 78 in Dahlem, trotz der jahrhundertealten Geschichte eine moderne Privatschule mit Internat, die Jungen wie Mädchen von der Vorschule bis zum Abitur durchlaufen können. Aber eine Schule, die sich gerne auf ihre Namensstifterin beruft, ganz im Sinne Fontanes: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“

Der Wirbel um Luise ist das Thema eines Buches, das der Kölner Böhlau-Verlag im Oktober herausbringt (Philipp Demandt: Luisenkult. Die Unsterblichkeit der Königin von Preußen. 500 Seiten, 34,90 Euro). Zum gleichen Thema siehe auch das ausgezeichnete Buch von Günter de Bruyn: Preußens Luise. Vom Entstehen und Vergehen einer Legende. Berliner Taschenbuchverlag.142 Seiten, 8,90 Euro

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