Berlin : Eine linke Geschichte: Ströbele ist 65 Andrea Fischer gratuliert

dem grünen Urgestein

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Christian Ströbele wird heute 65 Jahre alt. Damit ist er älter als die meisten derzeit führenden GrünenPolitiker. Denen klebt man oft das Etikett „Alt-68er“ an, auf ihn aber passt es. Er hat die linke Geschichte der vergangenen 40 Jahre miterlebt und mitgeprägt. Vielleicht liegt es an den vielen Stürmen, durch die Ströbele gegangen ist, dass er sich seiner so sicher ist. Er hat zu viele Eiferer gesehen, die später umso eifriger meinten, abschwören zu müssen.

Christian Ströbele gilt vielen als der typische Grüne. Denen, die die Grünen nicht mögen, ist er ein Beispiel für grünes Milieu. Innerhalb der Grünen gilt er den einen als Relikt aus der Vergangenheit, den anderen als Trost in rauen Zeiten, in denen linke Gewissheiten nicht mehr zu gelten scheinen.

Vielleicht ist Christian Ströbele mit seiner Biografie aber in einem ganz anderen Sinn typisch für die Grünen. Er war beim Militär, hat in den wilden 60er Jahren bürgerlich geheiratet und ist katholisch geblieben. Er ist der Neffe des Sportreporters Zimmermann, hält die Rechte an dessen legendärer Reportage vom WM-Finale 1954 – und spendet die Tantiemen.

Er setzte sich für die bewaffnete Befreiung der Dritten Welt ein und kämpft heute für eine nicht-militärische Politik. Er hat in seinem Leben keinen Alkohol getrunken, geschweige denn andere Drogen genommen, aber er setzt sich für die Freigabe von Haschisch ein. Er verweigert sich modischem Schnickschnack, aber als Stefan Raab mit einem Satz von ihm einen Hit landete, hat er gerne mitgemacht. Das alles ist nicht ganz so stromlinienförmig, wie es von seinen Gegnern gerne behauptet wird – und genau damit passt er zu den Grünen. So wie sie gegründet wurden von verschiedenen politischen Strömungen, so gab es auch immer ein hohes Maß an Toleranz für die Einzelnen in der Partei.

Bemerkenswert ist Ströbele in seinem Machtbewusstsein. Ob 1989 in Berlin, als er die „Jahrhundertchance“ von Rot-Grün für die Stadt beschwor, oder bei der Beteiligung der Grünen an der Bundesregierung: Immer wieder hat er mit seiner unerbittlichen Kritik die Regierung in Bedrängnis gebracht – aber er hat es immer geschafft, dass diese Bedrängnis die Koalition nicht in ihrer Existenz gefährdete.

Alle diese Facetten machen aus Christian Ströbele eine Ausnahmeerscheinung in der Politik. Einer, der seine linken Träume nicht begraben hat, sondern sie zäh im Alltag verfolgt. Der es versteht, hart zu kämpfen, dabei aber immer fair bleibt. Der mit seiner Glaubwürdigkeit und Kantigkeit in Kreuzberg 2002 das erste Direktmandat der Grünen für den Bundestag holte. Herzlichen Glückwunsch!

Die Autorin war für die Grünen Bundesministerin für Gesundheit und ist Kolumnistin des Tagesspiegels.

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