Berlin : "Eine Million Neuberliner" - und die Wahrheit

Holger Wild

"Eine Million neuer Bürgerinnen und Bürger" seien seit 1990 neu nach Berlin gekommen. Diese Zahl hört man immer wieder, zuletzt vor einer Woche von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD). Aber kann das wirklich sein? Eine Million Zugezogene? Das hieße, jeder Dritte, der in der U-Bahn sitzt, wäre ein Neu-Berliner. Ein solcher Bevölkerungsaustausch in einem Dutzend Jahre - schwer zu glauben.

Fragen wir das Statistische Landesamt, Abteilung Einwohnerentwicklung. Dort heißt es: Von 1991 bis 2000 gab es 1,187 Millionen Neu-Anmeldungen in Berlin. 1,15 Millionen Menschen allerdings meldeten sich im selben Zeitraum ab: gewiss nicht ausschließlich alteingessene Berliner. Und dann gibt es auch noch Leute wie eine Kollegin, die aus Hamburg nach Berlin kam, an die Elbe zurückging und anderthalb Jahre später wieder nach Berlin zog. Sie zählt in jener Statistik also zweimal, ist aber nur eine Neu-Berlinerin.

Aber zum Glück hat das Statistische Landesamt mehrere Abteilungen. Das Einwohnerregister kann die Frage, wer ist gekommen und geblieben, exakt beantworten: "Vom 1. Januar 1991 bis zum 30. Juni 2001 sind 690 603 Menschen nach Berlin gezogen und leben heute noch hier", sagt Sepp Stahl.

690 000 Neubürger haben wir also; sie machen bezogen auf die Gesamt-Einwohnerzahl von 3,384 Millionen ziemlich genau ein Fünftel aus.

Und wo kommen diese Leute her? Da kann Dieter Roth von der "Forschungsgruppe Wahlen" helfen. Er hat im Zusammenhang mit den Abgeordnetenhaus-Wahlen eine repräsentative Umfrage unter den Berliner Wahlberechtigten gemacht. Es ergab sich, dass, als die Mauer fiel, 7 Prozent von ihnen in den alten Bundesländern lebte; 4 Prozent in der DDR und 2,1 Prozent im Ausland. Von den in Berlin lebenden deutschen Staatsangehörigen über 18 Jahren sind also nur 13,1 Prozent Neubürger. Bei 2,418 Millionen Wahlberechtigten entspricht das 314 000 Menschen.

Demnach sind von den 690 000 Neubürgern nur eine Minderheit deutsche Erwachsene. 376 000 sind Ausländer oder deutsche Jugendliche. Da nach Angaben des Statistischen Landesamtes 224 000 Ausländer seit Anfang 1991 neu in die Stadt kamen und geblieben sind, müssen die verbleibenden 132 000 deutsche Jugendliche sein. Im April 2001 lebten jedoch nur knapp 480 000 deutsche Jugendliche in der Stadt. Gut jeder Vierte von ihnen also ist nicht in Berlin geboren.

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