Berlin : Eine Monatsmiete pro Drehtag

Immer mehr Berliner stellen ihre Wohnung für Film- und Fernsehen zur Verfügung. Manchmal müssen sich die Hausherren zusammenreißen. Zum Beispiel, wenn die Schauspieler sich samt Schuhen auf der Couch fläzen. Aber es zahlt sich in jedem Fall aus

Thomas Loy

Irgendwie gehörte er doch auch zum Set, fand Immobilien-Kaufmann Claus-Reino Becker. Deshalb kam er in jeder Mittagspause vorbei, um zu gucken, was die Leute vom Film in seiner Wohnung so anstellen. Ist schon komisch, sagt er, wenn ein ihm unbekannter Herr Zierl, Schauspieler, auf seiner Couch die Füße hochlegt, ohne um Erlaubnis zu fragen. Da muss man sich als Hausherr zurückhalten. So viele Menschen mit schwerem Gerät auf dem guten Fischgrät-Parkett, gerade frisch abgezogen! Wie gesagt, man muss sich zurückhalten, was schwerfällt, aber das Geld ist ja nicht schlecht. Und nachher, so hatten die Filmleute versprochen, würde alles wieder so aussehen wie vorher.

Herr Becker, Frau Becker und ihre 200-Quadratmeter-Altbauwohnung in Wilmersdorf sind jetzt beim Film. Immer mehr Berliner vermarkten ihren privaten Rückzugsraum als Kulisse für Fernseh- und Kinofilme oder als Hintergrund für Werbefotos. Bei „Berlinlocations“ kann man sich vor Anfragen kaum noch retten. „Es hat sich herumgesprochen, dass man damit Geld verdienen kann“, sagt Iris Lanz. Der Regelsatz ist eine Nettokaltmiete pro Drehtag. Bleiben die Filmleute länger, wird eine Pauschale ausgehandelt. Bei den Beckers mietete sich die Crew im vergangenen Herbst gleich vier Wochen ein. Gedreht wurde „In der Höhle der Löwin“, eine Komödie für die ARD. Die helle, sorgsam eingerichtete 6-Zimmer-Wohnung sollte plötzlich das chaotische Zuhause der Chirurgin Maja von Wiesenthal sein. Küche und Esszimmer wurden dunkelrot gestrichen, neue Vorhänge angebracht und das Mobiliar komplett umgestellt. Die Beckers verstauten private Dinge in Kartons und zogen zu ihren Eltern nach Zehlendorf.

Die Dreharbeiten in der eigenen Wohnung zu erleben, fanden beide angenehm aufregend. Kleinere Schäden wurden von der Produktionsfirma großzügig bereinigt. Als alles vorbei war, konnten sie sich sogar aussuchen, welche Farbe die Wände haben sollten. „Wir haben nur profitiert“, sagt Herr Becker fröhlich. Bäcker und Gemüsehändler in ihrer Straße, sowie ihre Nachbarn fanden die Filmerei indes weniger schön. Die Autos der Crew blockierten die raren Parkplätze. In einigen Straßen soll es schon Bürgerinitiativen gegen Filmproduktionen geben.

Das ist der Neid, sagt Anika Wolff, Filmwohnungsinhaberin am Lausitzer Platz in Kreuzberg. Wenn irgendwo Kameras laufen, fließt die dicke Kohle, denken die Leute und ärgern sich, dass sie an ihnen vorbeifließt. Bei Frau Wolff, der blonden Jung-Architektin, haben sich die Leute völlig umsonst geärgert. Gedreht wurde ein Low-Budget-Kurzfilm für Arte. So eine Beziehungskomödie, Arbeitstitel: Erotic Tale. Beim Dreh haben sie Frau Wolffs Wohnung einfach so respektlos stilbrüchig gelassen, wie sie ist (samt echtem Ochsenblut an der früheren Ofenwand), nur noch mehr Möbel reingestellt und den mächtigen Goldrahmen über dem Sofa mit einer barocken Badeszene gefüllt.

Gedreht wurde vor allem nachts bei abgedunkelten Fenstern. Trotz eingetretener Flügeltür und mörderischer Kissenschlacht im Schlafzimmer war nach fünf Drehtagen und dem großen Aufräumen alles wieder an seinem Platz und (fast) ohne Kratzer. Anika Wolff hat sich über die Filmleute jedenfalls köstlich amüsiert und will ihre Wohnung wieder der Kinokunst zur Verfügung stellen – Bedingung: „Die Leute müssen nett sein.“

Filmleute sind immer nett, ganz toll sogar, findet Anna Gunia, die ihr Haus in Hohengatow gelegentlich zur Lösung eines Kriminalfalls bereitstellt. Begehrt ist besonders ihr geräumiger Wintergarten mit Bananenstaude, moderner Kunst und Korbsofa. Ein Schauspieler (ein bekannter, aber Frau Gunia kann schweigen) sollte einmal durch eine Glastür laufen. Da er sich fürchtete, obwohl das Glas sehr dünn war, wurde eine Spezialscheibe aus kristallinem Zucker herangeschafft. Glas zum Essen – ihre Enkelkinder waren begeistert, erzählt Frau Gunia.

Bei ihr wohnen meistens Frauen, weil die Einrichtung so weiblich-verspielt wirkt. Für die zwei Drehtage zur Serie Praxis Bülowbogen war es ein lesbisches Paar – in den Räumen wurde fast gar nichts verändert. Anders beim Katja-Riemann-Film „Das gläserne Haus“: Zwei Möbelwagen fuhren vor, und die Zimmer in der ersten Etage wurden restlos ausgeräumt. Riemann sollte mit ihrem Film-Ehemann, einem iranischen Arzt, frisch am Stadtrand von Leipzig einziehen, um später von Rassisten terrorisiert zu werden. Vier Wochen musste Frau Gunia deshalb ausziehen. Dann war der Spuk vorbei.

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