Berlin : Eine Nacht in der Südsee

Acht Autoren schreiben Geschichten – und machen Lust auf den neuen Erzählwettbewerb für Leser

Dorothee Nolte

Der Auftrag lautete: Erfinden Sie eine Figur. Sie kann groß, klein, jung, alt sein, egal, wichtig ist nur: Die Figur muss sich an einem Sonntagnachmittag im Oktober 2004 in der Südsee-Abteilung des Ethnologischen Museums in Dahlem aufhalten. Dort wird sie zusammen mit anderen Besuchern über Nacht eingeschlossen, keiner weiß warum, und vertreibt sich die Zeit und die Angst mit dem Erzählen von Geschichten. Und die Geschichte, die Ihre Figur erzählt – die wollen wir lesen.

Acht Berliner Autoren haben sich auf unsere Bitte eingelassen, eine Figur und eine Geschichte für die Serie „Eine Nacht in der Südsee“ zu erfinden: Carmen-Francesca Banciu, Carlo de Luxe, Jakob Hein, Michael Kleeberg, Katja Lange-Müller, Sabine Ludwig, Anja Tuckermann und Ulrich Woelk. Ihre Geschichten werden von heute an jeweils dienstags und freitags im Tagesspiegel erscheinen und, meist am selben Tag, im Kulturradio des RBB gesendet. Die ganze Reihe wird auch als CD von RBB-Media erhältlich sein. Ein kleines literarisches Experiment – als Auftakt zum diesjährigen Erzählwettbewerb.

Zur Einstimmung konnten die Autoren, unter den wachsamen Augen des Leiters der Südsee-Abteilung Markus Schindlbeck, in einer lauen August- Nacht zwischen Uli-Figuren, Einbäumen und Männerhaus umherwandeln und einen Eindruck davon gewinnen, wie es sich anfühlen könnte, in der notbeleuchteten Südsee-Abteilung eingeschlossen zu sein. Wie anders wirkt eine geschnitzte Maske, wenn sie nur vom irrenden Schein der Taschenlampe erhellt wird – nachts herrscht in den Museen ein ganz eigenes Leben. Eine besondere Stimmung, die auch Tagesspiegel-Leser kennen lernen können – wenn sie an unserer Aktion mit nächtlichen Museumsführungen teilnehmen (siehe Kasten).

Einzelne Geschichten in eine fiktive Rahmenhandlung einzubetten ist ein alter literarischer Kunstgriff, man denke nur an Boccaccios „Decamerone“ oder „Tausendundeine Nacht“. Ob er heute noch funktioniert, werden Tagesspiegel-Leser in den nächsten vier Wochen feststellen können. Und vielleicht Lust bekommen, selbst eine Geschichte rund ums Thema Museum zu schreiben. Wie auch bei den vergangenen beiden Erzählwettbewerben wünschen wir uns nicht nur Texte, sondern auch Tonaufnahmen. Die besten Geschichten werden wieder bei einem großen Erzählfest in den Museen Dahlem vorgetragen. Auch 33 Berliner Schulklassen, deren Lehrer an Fortbildungsseminaren „Spannend erzählen“ teilgenommen haben, werden mit Klassensätzen des Tagesspiegels die Reihe verfolgen und Geschichten für den Wettbewerb basteln.

Ungelogen: Als der Auftrag an die Autoren ging, wusste noch niemand, auch die Redaktion nicht, wieso die fiktiven Figuren überhaupt eingeschlossen sind und wie sie wieder herauskommen. Die Rahmenhandlung entwickelte sich erst im Laufe der Zeit, als die Geschichten eintrafen und klar wurde, welches fiktive Personal zur Verfügung steht. Dann aber war sonnenklar: So muss es sein und nicht anders, aus den einzelnen Geschichten – und aus Gesprächen mit Autoren und Kooperationspartnern – erwuchs mit innerer Logik das Drumherum, das Vorher und das Hinterher. Fast wie bei einem Krimi. Aber lesen Sie selbst.

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