Berlin : Eine Nacht voll dicker Luft

Pyromanische Kinder, deutsche Komasäufer, schießwütige Türken – Neukölln feiert Silvester, zwei Polizisten mittendrin. Wir haben sie im Streifendienst begleitet

Tanja Buntrock

Die Lage für Polizeioberkommissar Stefan Wolf und seinen Kollegen, Polizeimeister Ron Hewener, ist bereits gegen 20 Uhr etwas unübersichtlich. Aber immerhin ungefährlich. Der türkische Telefonladenbesitzer im Holzfällerhemd holt wortreich aus: „… dann hat der Kleine geguckt, und ich meinte: Was guckst du? Und er meinte dann: Wieso? Was guckst du?…“ Es fallen noch die Namen Wolkan und Cerkan, die aus der Kinder-Gruppe heraus Knaller in seinen Laden geschmissen haben sollen – aber das alles bringt die Polizisten nicht wirklich weiter.

„Kind verletzt durch Pyro“ heißt der Einsatz in der Braunschweiger Straße in Neukölln, zu dem Wolf und Hewener gerufen wurden. Am Ende stellt sich heraus: Ein kleiner thailändischer Junge hat sich bei einer Rangelei mit anderen Kindern und dem türkischen Telefonladenbesitzer die Hand geschrammt. Nichts Wildes. Der Krankenwagen fährt wieder. Die Beamten müssen nur noch den thailändischen Jungen bei den Eltern um die Ecke abliefern. Dass nur die hochschwangere Tante öffnet, die kein Wort Deutsch spricht, macht die Sache nicht leichter. Am Ende können die Polizisten ihr doch noch klarmachen, dass sie die Jungen besser behüten soll. „Alles klar? Dann sagt die Polizei jetzt auf Wiedersehen.“

Stefan Wolf und Ron Hewener setzen sich wieder in den Polizei-Bulli und fahren Richtung Dienststelle, dem Abschnitt 54 in der Sonnenallee. Auf einer Straße nahe der Grenzallee zischt und knallt es inmitten einer Kindergruppe. „Na, Männer, wer ist denn hier schon 18?“, fragt Wolf aus dem offenen Fenster heraus. „Du kannst mit uns mitfeiern, Herr Polizist“, erwidert ein Junge hastig. Stefan ermahnt die Eltern, die nebenan im Vereinsheim feiern. „Macht et jut, Jungs. Und juten Rutsch!“, wünschen die Erwachsenen, bevor der Funkwagen wieder abfährt.

Auf dem Abschnitt sitzen die Kollegen im Aufenthaltsraum und naschen vom Büfett: Zwei große Bleche Pizza, Pfannkuchen, Soljanka… „Ohne Mampf kein Kampf“, ruft einer der Kollegen den beiden zu. Im Hintergrund läuft der Fernseher. „Jetzt kommt der Kleinkram, und ab Mitternacht drehen die hier richtig ab. Danach kannst du die Uhr stellen“, sagt Stefan Wolf.

Wolf ist 36 Jahre alt und sieht ein bisschen aus wie Thomas D., der Chef-Hip-Hopper der „Fantastischen Vier“. Seit 1991 macht er Streifendienst in Neukölln. Er „weiß wie man mit den Leuten hier reden muss“. Sein Kollege Ron Hewener, 25, – von Stefan auch „Tom Cruise“ genannt – ist erst seit August dabei. Natürlich ist ihm klar, dass die Silvesternacht in Neukölln hart wird. Die Schicht dauert von 18 bis 6 Uhr. Heute sind sie mit 19 Kollegen und sieben Funkwagen auf dem Abschnitt im Einsatz: in „normalen Nächten“ fahren ab zwei Uhr morgens nur zwei Wagen Streife.

Für den Happen Pizza bleibt kaum Zeit. In der Highdeck-Siedlung wurde eine „hilflose Person“ gemeldet. Schon von weitem sehen Stefan und Ron den jungen Mann, der in Embryostellung vor einem Hauseingang liegt – mitten in einer Pfütze aus Erbrochenem. Betrunken bis zur Besinnungslosigkeit. „Na, was gab es denn heute zu essen?“, fragt Wolf den wimmernden Mann. „Ich tippe mal auf Thunfisch-Pizza oder Soljanka.“ Irgendwie schaffen es die Beamten, die Wohnadresse aus dem jungen Mann herauszubringen: „Manuel“, röchelt der Mittzwanziger, während Wolf und Hewener ihm mit Gummihandschuhen unter die Arme greifen und ihn in den Funkwagen schleifen. Vor der Haustür angekommen, gleitet Manuel geradewegs aus der geöffneten Schiebetür des Bullis und entlässt seinen restlichen Mageninhalt auf den Bürgersteig. Dann bleibt er einfach liegen. „Mensch, Manuel, bist du ein Mann oder eine Maus?“, ruft Wolf. „Mann“, flüstert Manuel. Es ist fünf Minuten vor Mitternacht. Den Jahreswechsel hatten sich die Polizisten doch irgendwie anders vorgestellt. Manuel hat sich schon vom neuen Jahr verabschiedet, ehe es überhaupt angefangen hat. Er liegt im Treppenhaus vor seiner Wohnung und schläft, als Neukölln um Mitternacht in kriegsähnliche Zustände versinkt. Manuels Hausmeister verspricht, sich weiter um ihn zu kümmern. Ron und Stefan füllen ihre Becher vor dem Funkwagen mit Selters: Prosit Neujahr!

Um 0.45 Uhr wird’s dann gefährlich. Oma K. aus der Teupitzer Straße hat über 110 gemeldet, dass eine Gruppe Jugendlicher vor ihrem Haus mit Schreckschusswaffen gezielt auf die Fensterfront feuert. Zum Beweis lotst die alte Frau die Polizisten durch ihr stockdusteres Schlafzimmer auf den Balkon.

Es knallt. Ron und Stefan haben genug gesehen und gehört. Mit ihren Kollegen, die zur Verstärkung gekommen sind, planen sie den Angriff. Überraschungseffekt. Die Polizisten kommen im Dunklen von zwei Seiten. „Stehenbleiben, Polizei!“. Einer der drei Schützen kann fliehen. Bei den anderen beiden klicken die Handschellen. „Ey, Chef, was hab’ ich gemacht?“, ruft der 28-jährige Türke wieder und wieder. Sein 16-jähriger Komplize tut ebenso, als verstehe er die Welt nicht mehr. „Wir haben doch nur gefeiert, Sir.“

Um für ihre Feier richtig gerüstet zu sein, haben die jungen Männer noch Stöpsel in den Ohren – damit ihnen das Trommelfell nicht platzt. Ihre Jackentaschen sind ausgebeult von Schreckschuss-Munition. Und man könnte meinen, dass sich mit dem Böller-Bestand auf der Tischtennisplatte neben ihnen ein ganzes Haus in die Luft sprengen ließe. Die Polizisten finden zudem noch mehrere Kisten „Vogelschreck-Munition“. Diese Kracher oder Heuler, die auf die Schreckschusswaffen geschraubt werden, sind verboten. Einen kleinen Waffenschein für die Pistolen kann keiner nachweisen. „Was Waffenschein? Ich hab’ doch nicht mal eine Waffe, Sir“, beteuert der 28-Jährige. Er habe mit seinen beiden Kindern nur schauen wollen, wer da so rumgeballert hat. Und dann habe er die Schützen nur noch flüchten gesehen. „Die ewig gleichen Ausreden“ könne er nicht mehr hören, sagt Stefan Wolf. Seine Kollegen nehmen die Anzeige auf.

Stefan Wolf und Ron Hewener starten mit Blaulicht zum nächsten Einsatz. Sie verschwinden im Böller-Nebel auf der Sonnenallee. Dicke Luft in Neukölln – wie jedes Jahr Silvester.

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