Berlin : Eine Nacht voller Angst

Die Bomben fallen auf Bagdad, aber der Berliner Fred Klinger bleibt dort

Frauke Herweg

Als Fred Klinger am Sonnabendnachmittag im Bagdader Hotel „Andalus“ ans Telefon geht, zittern ihm noch immer die Hände. Kurz zuvor hat der Berliner vier angstvolle Stunden in den Büros der Miliz verbringen müssen. „Are you American?“, brüllte ihn ein General an: Dem 52-jährigen Friedensaktivisten, der sich Bombenschäden der vergangenen Nacht aus der Nähe anschauen wollte, wurde unterstellt, er habe Spionagefotos schießen wollen. Erst als heraus kam, dass er aus Deutschland kommt, entspannte sich die Lage. „Die Milizionäre sagten ,Schröder, Schröder, gut‘ “, berichtet Klinger. „Mir wurde schließlich sogar ein Glas Wasser angeboten.“

Am Abend zuvor erlebte der Sozialwissenschaftler, der sich seit langem in der katholischen Friedensgruppe Pax Christi engagiert und nach Bagdad gekommen ist, um Verletzten zu helfen, schwerste Bombenangriffe. Einen Kilometer von seinem Hotel entfernt sei gegen 20.30 Uhr ein voll besetztes Bürohaus in Luft geflogen. „Wir alle wurden von der Explosion an die Wand gedrückt“, sagt Klinger. „Das war entsetzlich. Wir haben eine schreckliche Angst gehabt.“ Die irakischen Medien berichteten danach von 72 Verletzten in Bagdad. Klinger glaubt, dass weit mehr Menschen getroffen wurden. „Das ist das, was die offiziellen Medien vermelden“, sagt er. „Auf diese Zahlen darf man nichts geben.“

Wie groß die Schäden in Bagdad sind, vermag Klinger, der am Sonnabendnachmittag Teile des Präsidentenpalastes brennen sah, nicht einzuschätzen. „Fest steht“, sagt er, „dass nach den Angriffen ein enormer Hass in der Bevölkerung ist“. Die Miliz sei bereit, „bis zum Letzen“ zu kämpfen.

Das öffentliche Leben sei inzwischen fast zusammengebrochen. Nahezu alle Geschäfte sind vernagelt. Lediglich „einige verwegene Straßenhändler bieten noch überteuertes Zeugs an“. Gleichwohl sei „Bagdad keine leere Stadt“. Nur die Reichen konnten es sich leisten, aus ihren Villenvierteln zu fliehen. In den ärmeren Vierteln hängt jedoch noch immer Wäsche auf der Straße, berichtet Klinger: „Die Leute dort ziehen die Vorhänge zu, als glaubten sie, sie könnten damit die Cruise Missiles abhalten.“

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