Berlin : Eine papierne Blume

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Vor mir liegt Berlin ausgebreitet, wie es vor genau 45 Jahren, also 1957, beschaffen war: geteilt zwar mit fett-roter Linie in West- und Ost-Berlin, aber immerhin als Taschenplan mit Straßenverzeichnis noch ein großes Ganzes. Noch! Um mir das Vergnügen einer Versenkung in meine Berliner Anfangsjahre zu bereiten, hatte eine Leserin dieses Kartenfundstück als – wie sie schrieb – papierne Blume geschickt. Diese hatte sie in einem Haus in Rahnsdorf beim Aufräumen gefunden. Es handelt sich – worin das Bemerkenswerte steckt – bei diesem Gesamtberliner Taschenplan um ein VEB-Druckwerk mit dem klitzekleinen Randvermerk: Genehmigt: MdI der DDR, womit das Ministerium des Inneren gemeint war. Picasso wird eine mir geläufige Feststellung zugeschrieben: Ich suche nicht, aber ich finde. Und so fand sich in Rahnsdorf jener Taschenplan, und die ihn dort gefunden hatte, fand, daß er zu mir finden sollte als Mitnehmsel, wenn ich nach fuffzig Alt-Spree-Jahren wieder heeme mache an die Ufer der jungen Spree. Augenblicklich machte ich mich aber über meine Stadt her, wie sie sich dem Anfangsberliner vor langer Zeit gezeigt hatte.

Jeder wird bei solcher Planbetrachtung mit der Suche nach seiner damaligen Wohnung beginnen. Der Finger fährt sodann die Bahn- und Buslinien ab, bei mir beispielsweise die Straßenbahnen 77 oder 78 von Lichterfelde West bis Zoo, oder die 35 vom Nettelbeckplatz am Bahnhof Wedding die Reinickendorfer lang bis zur Emmenthaler Straße, meiner Schule. Wenn man von der 35 oder 77 sprach, war jedem hierzulande klar, dass eine Straßenbahn gemeint war; hieß es der Zwölfer, war der Bus dieser Linie gemeint. Das süddeutsche Wort Tram war in Berlin ungebräuchlich. Ältere sprachen auch von der Elektrischen. Heutige BVG-Strategen und Blätter meinen, es bedürfe der Bezeichnung über die Nummer hinaus. Ganz auf dieser Linie gänzlichen Mangels an Zutrauen in durchschnittliche Intelligenz liegen seit der Hauptstadt-Inthronisation Berlins die Umbenennungen von Gebäuden und Stationen. Das ging mit dem allbekannten Schauspielhaus am Gendarmenmarkt als Konzerthaus los und findet in der Ringbahnstation Witzleben als Messe Nord seinen jüngsten Bubenstreich. Soetwas können nur verzapfen, die keinen Berliner Unwillen riskieren. Es ist ein erschlafftes Berlinertum zu beklagen!

Zurück zum alten Taschenplan. Straßenn in West-Berlin sind getreulich wiedergegeben mit einer großen Ausnahme. Die Straße des 17. Juni heißt vier Jahre nach ihrer Benennung aus Ost -Sicht noch Charlottenburger Chaussee. Die Groß-Berliner Stadtansicht mit kleinen Macken fand wenig später ein drastisches Ende. Die Hauptstadt der DDR nannte sich demokratisches Berlin und gilbte von 1961 an den größeren Teil der Stadt jenseits der Mauer, den sie als Bereich des Besatzungsregimes der USA, Großbritanniens und Frankreichs brandmarkte.

Am äußersten Südwest-Eckchen der Stadt blieb mein Blick besonders lange: der S-Bahnstation Düppel-Kleinmachnow. Dort wurde ich 1953 Berliner. Es war das Jahr mit dem 17. Juni. Und um Berlin herum hatte das SED-Regime Posten aufgestellt. Man durfte nicht unkontrolliert aus der DDR nach Ost-Berlin reisen. Ich aber wurde von den Eltern nach West-Berlin unter Umgehung von Ost-Berlin gebracht. In Düppel-Kleinmachnow berührte sich West-Berlin (Zehlendorf) und die DDR, nicht Ost-Berlin , was damals noch ein relativ korrekter Unterschied war. Die Eltern lösten – unbehelligt von einem Vopo – eine Karte am Bahnhöfchen, wir bestiegen die S-Bahn und stiegen in Zehlendorf wieder aus. Die Strecke gibt’s nicht mehr, nur verkrautete Gleisbetten.

Jeder Berliner kommt irgendwann in Berlin an, auf dem Geburtswege oder – wie ich vor 49 Jahren – über Düppel-Kleinmachnow.

99 ZEILEN SCHWERK

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