Berlin : Eine Party für Apostel Paulus & Co.

Seit Jahrhunderten schaut eine ungewöhnliche hölzerne Gesellschaft von einer Giebelwand auf Perleberg. Bürger ließen die Figuren restaurieren. Deren Rückkehr war auch ein Fest für die malerische Altstadtinsel

Christoph Stollowsky

Die Stars wirkten etwas hölzern, obwohl ihr Comeback begeistert gefeiert wurde. Scheinwerfer rückten sie an einem Sommerabend ins rechte Licht, Jongleure und Feuerschlucker gaben ihr Bestes, man musizierte und stieß auf sie an – aber der heilige Christophorus und die Hure hatten die Augen weit aufgerissen und schauten unbeirrbar in die Ferne, genau so, wie seit knapp 500 Jahren. Auch Georg der Drachentöter, die Apostel Petrus und Paulus oder ein paar weltliche Persönlichkeiten wie der Ritter und die Bürgersfrau bewahrten Haltung. An der Giebelwand des ältesten Hauses von Perleberg verharrten sie nun wieder über den Köpfen, wie für die Ewigkeit hingestellt: Dreizehn so genannte Knaggenfiguren, aus Eichenholz geschnitzt, eine Rarität in Brandenburg.

Der Bürgerverein Perleberg hatte dafür gesorgt, dass die arg heruntergekommenen Plastiken restauriert wurden und wieder an ihren angestammten Platz kamen. Grund genug für ein nächtliches Knaggenfest im Spätsommer 2005, bei dem auch Rückschau gehalten wurde: Um 1525 ließ ein reicher Perleberger am Großen Markt 4 sein Haus bauen und gab als Schmuck die 13 bemalten Figuren in Auftrag.

Seither standen sie unter den kleinen Fachwerkvorsprüngen, im Fachjargon „Knaggen“ genannt, und erlebten an der Fassade des Kaufmannshauses alle Wirren der Perleberger Geschichte – von den „Schreckenstagen“ im November 1638, als kaiserliche Soldaten in der Stadt wüteten, bis zum Zweiten Weltkrieg, von dessen Zerstörungen Perleberg weitgehend verschont blieb. In den Zeiten der SED-Herrschaft geriet die Altstadt dann rund um ihren Ausguck in einen bedauernswerten Zustand. Nach der Wende sollte die hölzerne Gesellschaft endlich von ihren Wind- und Wetterschäden geheilt werden, die Stadt ließ sie zum Restaurator nach Berlin bringen, schreckte aber vor den hohen Kosten zurück, weshalb die Figuren mehr als zehn Jahre lang in Kisten lagen. Vermutlich wären sie noch heute dort, hätte Dieter Kreutzer nicht 1997 den Perleberger Bürgerverein gegründet. „Schluss mit dem Jammern“, sagte sich der Geschäftsführer der Prignitzer Energie- und Wasserversorgung. „Was die Stadt nicht bezahlen kann, schaffen wir Bürger selbst.“

Heute hat der Verein 300 Mitglieder, organisiert Kulturveranstaltungen und betreibt in seinem Laden am Großen Markt ein florierendes modernes Antiquariat mit Bücherspenden aus der Bevölkerung. Aus dem Erlös und weiteren Spenden wurde die Restaurierung der Knaggenfiguren bezahlt – für 33 000 Euro. Das Haus ließ die Stadt sanieren. Nun sind Christophorus, Apostel Paulus & Co. so etwas wie die Galionsfiguren von Perleberg.

Malerisch ist der historische Stadtkern auf einer Insel vom Band der Stepenitz umschlungen. Überall rauschen Wehre, man schaut von Brückchen herab auf schmucke Gärten am Wasser. Der Fluss nimmt die Stadt in seine Arme – wie eine Perle. In dieser „Perle der Prignitz“, wie der Ort auch liebevoll genannt wird, kann man durch krumme Gassen ins Mittelalter spazieren. Hier gibt es einen fürs eher gradlinig-preußische Brandenburg ganz ungewöhnlichen Straßengrundriss. Kein Schachbrett liegt ihm zu Grunde wie in Neuruppin oder Templin. Die Zentren dieser Orte waren nach den Stadtbränden im 17. und 18. Jahrhundert nahezu komplett zerstört, man hat sie am Reißbrett neu geplant.

In Perleberg vernichteten Feuersbrünste nur einzelne Quartiere, weshalb die gewachsene mittelalterliche Struktur erhalten blieb. Die Straßen folgen dem Oval der Insel, bieten überraschende Blickwinkel und erfordern Orientierungssinn.

Fixpunkt ist der Große Markt. Hier hält der Roland mit Schwert und Schild seit dem 15. Jahrhundert Wacht, als Symbolfigur städtischer Freiheiten. Doch auch Roland musste die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges ansehen. Und seine wehrhafte Haltung schützte ihn nicht vor Streichen: 1843 brachen Unbekannte sein Schwert ab, 1871 demolierten Betrunkene seine Nase.

Besonders schön sieht der Große Markt in der Morgensonne aus. Wenn der Himmel azurblau ist, hebt sich das Backsteinrot vom Rathaus und der St.-Jacobi-Kirche unvergesslich davor ab. Rundherum wurde um 1700 an Marktständen gefeilscht, auch in den Tuchhallen im Rathaus blühte der Handel: Hier schlugen die Perleberger Kaufleute edle Stoffe derart profitabel um, dass mancher zum Multimillionär wurde und sich ein nobles Heim am Markt oder Kirchplatz baute.

Mit einem Kraftakt hat man seit der Wende die Sanierung des Stadtkerns vorangetrieben. Es stehen zwar noch immer Gebäude leer, doch seit die Stadt an Attraktivität gewinnt, finden sich zunehmend Interessenten. Wenn Perleberger heute Besucher umherführen, kommen sie ins Schwärmen: „Es ist toll, zu erleben, wie unsere Stadt immer schöner wird.“

Das wird gefeiert: Mit Musik und Theater auf Bürgersteigen – und bald erneut am Knaggenhaus. Bis August lässt der Bürgerverein die Balkensprüche zwischen den Knaggenfiguren freilegen. Der untere Spruch liest sich wie ein Dankeschön der hölzernen Gesellschaft an alle, die sich für sie eingesetzt haben. „Treue ist ein seltener Gast. Wer sie kriegt, der halte sie fest.“

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