Berlin : Eine Redoute für Berlin

Der Hauptstadt fehlt eine Repräsentanz staatlicher Gastlichkeit Ein Plädoyer für das Kronprinzenpalais

Hermann Rudolph

Eine Diskussion beginnt sich zu verhaken: Wohin mit dem Bundespräsidenten? Ins Kronprinzenpalais? Oder doch ins Schloss Schönhausen? Rau muss seinen Amtssitz räumen, weil Schloss Bellevue dringend renoviert werden muss. Aber er will für diese befristete Zeit den Bundeshaushalt nicht mit den Millionen-Kosten belasten, die bei beiden Ausweichquartieren anfallen würden, wenn man sie allein für ihn herrichten müsste. Für eine Nutzung nach dem Bundespräsidenten fehle – so der resignative Befund – die Perspektive, für das Kronprinzenpalais wie für Schloss Schönhausen. Nur sie könnte die erforderlichen Millionen rechtfertigen.

Aber trifft das wirklich zu? Das Gegenteil ist der Fall. Um das zu begreifen, muss man nur einmal zurück nach Bonn blicken. Die hoch repräsentativen Bauten für den Regierungsbetrieb in Berlin täuschen nämlich. Wo Bonn in die Redoute in Godesberg oder – wenn Präsidenten oder gar Monarchen zu Gast waren – ins Schloss Augustusburg in Brühl einlud, muss sich Berlin ins Adlon oder Intercontinental einmieten. Dort bringt die Bundesregierung auch ihre Gäste unter, denn ein Gästehaus wie das Hotel auf dem Petersberg in Bonn hat sie in Berlin nicht. Kurz: Die kleine Regierungsstadt war besser für ihre Rolle als Gastgeber und Ort der staatlichen Selbstdarstellung ausgerüstet als das große Berlin. Höchstens könnte Berlin bei Staatsbesuchen nach Potsdam ausweichen. Aber da hält, zu Recht, die Schlösser- und Gärten-Verwaltung gegen. Denn die empfindlichen Museums-Schlossbauten sind für große Gästescharen mit dem Glas in der Hand nicht geeignet.

Aber: Könnte das Kronprinzenpalais – nachdem es dem Bundespräsidenten gedient hat – nicht die Redoute Berlins werden? Also ein stilvoller Ort, an dem – wie in Bonn – größere und kleinere Empfänge stattfinden, auch einmal ein größerer Geburtstag oder eine Ordensverleihung, aber auch Ereignisse in der Größenordnung eines präsidialen Neujahrsempfangs? Dazu nahe bei Regierungs- und Parlamentsgebäuden, so dass die Staatsrepräsentanz die Staatstätigkeit nicht zu lange unterbricht? Die Lage Unter den Linden, in der Nähe der Bauten, die Berlin das Flair einer Residenz geben, prädestiniert das Haus für diese Rolle. Und fast alles andere auch: nicht zu groß, aber groß genug. Für unterschiedliche Anlässe geeignet. Mit historischer Ausstrahlung – und es gäbe dem Ort vielleicht sogar eine zusätzliche Bedeutung, dass das barock-klassizistische Haus eine völlige Rekonstruktion ist.

So klug waren wir übrigens schon mal. Kaum in Berlin angekommen, kam das Kabinett zu dem Schluss – niedergelegt in einem Kabinettbeschluss vom Dezember 1999 –, dass es in Berlin „eigene und selbst gestaltete Räumlichkeiten“ geben sollte, in denen die Bundesrepublik „angemessen“ als Gastgeber auftreten kann. Und fand das Kronprinzenpalais dafür besonders geeignet – wegen der Lage, wegen der Historie, wegen des Ensembles, das es mit Zeughaus, Humboldt-Universität und Oper bildet. Eine Porträtgalerie sollte als passender Rahmen dazukommen. Auswärtiges Amt und Stiftung Preußischer Kulturbesitz erarbeiteten ein Konzept.

Natürlich, das kostet Geld, und es wäre billiger, das Kronprinzenpalais mit ein paar Pinselstrichen als Ausweichquartier herzurichten. Natürlich, alle Politiker und Beamte haben Angst davor, sich den Vorwürfen von Bürgern und Medien auszusetzen – erst recht in Zeiten, in denen an allen Ecken gekürzt wird. Aber Adlon und Intercontinental kosten auch Geld, und auch die notdürftige Herrichtung für eine Übergangszeit geht in die Millionen.Vielleicht sollte es doch möglich sein, das Verständnis der Öffentlichkeit dafür zu gewinnen, dass es klüger wäre, sich nicht mit Provisorien über die Jahre zu hangeln, sondern Nägel mit Köpfen zu machen. Auf die Dauer wird die Bundesrepublik in ihrer Hauptstadt nicht ohne einen Ort auskommen, an dem sie sich darstellen kann und den ausländischen und inländischen Gästen einen Hauch von Kultur und Geschichte vermittelt.

Das gleiche gilt übrigens auch für das Schloss Schönhausen. Der Gedanke, das Schlösschen für den Bundespräsidenten aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken und ihm die Schadstoffe zu entziehen, ist durchaus plausibel. Eine Sanierung verschaffte dem Präsidenten ein hübsches Ausweichquartier und gäbe Berlin einen schönen Bau, der zu verslumen droht, zurück. Und es könnte danach die Rolle des Gästehauses ausfüllen, für die Bonn Schloss Gymnich oder den Petersberg hatte.

Über seine Verhältnisse lebt Berlin nicht, wenn es derart aus der Not eine Tugend macht. Die zweitgrößte Industriemacht der Welt erreichte nur das Niveau, das in anderen Staaten selbstverständlich ist. Und der Bundespräsident könnte sich zugute halten, mit seiner Aus-Zeit vom Schloss Bellevue, die Türe dafür geöffnet zu haben.

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