Berlin : Eine relativ neue und besonders vielversprechende Trattoria

Bernd Matthies

Spielhagenstr. 2, 10585 Berlin-Charlottenburg, Telefon: 34 70 49 08, geöffnet: täglich von 11.30 bis 15 und ab 18 Uhr, sonnabends ab 18 Uhr geöffnet, sonntags Ruhetag. Reservierung notwendig, Kreditkarten: keineBernd Matthies

Wenn es etwas gibt, das den Sprung über die Alpen praktisch nie unbeschädigt schafft, dann ist es die klassische italienische Trattoria. Schlicht gutes Essen in gemütlicher, persönlicher Atmosphäre - das klingt ja nicht schwierig. Aber in Berlin wird immer gleich entweder ein teures Ristorante draus, eine Gnadenlos-Pizzeria oder ein Pseudo-Folkloreschuppen, wo sie zusammengematschte Viktualien für authentische Küche ausgeben. Dabei fangen die Läden mit den blau-weiß-karierten Servietten häufig vielversprechend an, lassen dann aber zeitgleich mit dem ersten öffentlichen Lob zügig nach. Hatten wir schon öfter.

Deshalb ist es vermutlich der Fehler des Jahres, daß ich hier die Adresse einer relativ neuen und besonders vielversprechenden Trattoria ausplaudere. "La Pignata", in Charlottenburg Wand an Wand mit dem bekannten "Ponte Vecchio". Ortsunkundige sollten auf jeden Fall darauf achten, daß sie die Tür öffnen, die sie auch öffnen wollen. "La Pignata" also ist klein, geradezu winzig; der Weg zur Toilette führt zwischen Registrierkasse und Küche hindurch, und wenn zwei Dutzend Leute an den Tischen sitzen, stellt sich unverzüglich das hautenge, von Zigarettenrauch aromatisierte Trattoria-Gefühl ein, das wir von drunten gewohnt sind. Der sachlich-sorgfältige Chef führt zurückhaltend und ohne Verkäufer-Emsigkeit ins Programm ein und verhindert jegliche Exaltation, ja, er redete uns gar einen Nudel-Zwischengang aus.

Die ist eine apulische Trattoria. Deshalb gibt es ungewöhnliche Kombinationen, ungewöhnlich sorgfältig angerichtet: Spinatsalat mit kleingeschnetzelten, knapp angebratenen Rindfleischstreifen etwa, oder weiße Bohnen mit zart gegrilltem Tintenfisch und wunderbarem Olivenöl (Vorspeisen um 18 Mark). Die wahrscheinlich beste Leistung an diesem Abend war etwas, was ich wegen ständig wiederkehrender Langeweile sonst schon gar nicht mehr bestelle, nämlich eine gegrillte Dorade. Die hier aber schmeckte wunderbar frisch und saftig, und die Begleitung mit einer sanft geschärften Tomatensauce sowie duftenden Rosmarin-Tomaten-Kartoffeln kam uns optimal vor. Das aromatische Hasenrückenfilet, originell in einer Chianti-Rosinen-Sauce angerichtet, fiel dagegen ein wenig trocken-krümelig aus, offenbar handelte es sich um Tiefkühlware. Der Rahmwirsing als Beilage kam uns wenig authentisch vor, paßte aber gut. Die Sorgfalt bei den "Secondi piatti" setzt sich hier bei den Desserts fort, wir kosteten eine makellose Orangen-Creme-Caramel und eine witzig angerichtete Kombination aus Stracciatella-Frischkäse und Schoko-Biskuit. Ach ja: Es gibt auch Pizza. Wir haben sie nicht probiert, aber da die Nebentische alle nur wenige Millimeter entfernt sind, können wir sagen, daß sie ebenso gut aussieht wie alles andere, was sonst noch vertilgt wurde. Den Steinbutt beispielsweise hätten wir am liebsten auch noch bestellt. Nudeln? Haben wir doch noch gekostet, Spaghetti Bolognese, gerade zufällig verfügbar. Sie schmeckten prima.

Häufen wir auf das Lob noch einen drauf: Endlich einmal ein italienischer Wirt, der weiß, daß es zwischen Protz-Sassicaia und Billig-Soave auch noch andere Weine gibt! Hier stehen wichtige Trend-Sachen wie der sardische "Terre Brune" im Regal, aber noch mehr. Wir ließen uns zum roten "Simposia" der apulischen Tenuta Monaci raten, Für 59 Mark ein absoluter Überflieger.

Halt! Lassen Sie die Finger vom Telefon! Draußen steht schon jetzt ein Schild, das vor Überlastung durch Weihnachtsfeiern warnt. Heben Sie sich den Bericht einfach fürs nächste Jahr auf. Und dann bitte nicht alle auf einmal, damit dies auch 1999 eine Spitzen-Trattoria bleibt.

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