Berlin : Eine solche Tat ist nicht hundertprozentig zu verhindern

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Betrifft: Politiker auf Stimmenfang

Das Attentat von Erfurt macht eines deutlich: Es gibt Taten, die man nicht verhindern kann. Weder ein schärferes Waffengesetz noch ein hochgerüsteter Sicherheitsdienst, noch eine wie auch immer zu bewerkstelligende Wertevermittlung an unseren Schulen können einen Amokläufer wie den in Erfurt stoppen.

Selbst das schärfste Waffengesetz der Welt kann nicht verhindern, dass ein Täter seine Tatwaffe notfalls illegal erwirbt. Auch ein an einer Schule eingesetzter Sicherheitsdienst ist keinesfalls unüberwindbar. Die nach dem Anschlag vom 11. September erhöhten Sicherheitsvorkehrungen an deutschen Flughäfen haben dies in erschreckendem Maße gezeigt: Schon wenige Wochen nach dem Anschlag gelang es Reportern eines deutschen Fernsehmagazins wiederholt, verbotene Gegenstände durch die vermeintlich verschärften Flughafenkontrollen hindurch an Bord zu schmuggeln.

Und die immer wieder geforderte Wertevermittlung an unseren Schulen könnte eine Tat wie die von Erfurt ebenfalls nur dann verhindern, wenn die vermittelten Werte - welche dies im Einzelnen auch immer sein mögen - tatsächlich von allen Schülern akzeptiert und zu ihrem persönlichen Wertmaßstab gemacht werden würden. Wie realistisch eine solche Vorstellung ist, mag man beispielhaft daran ablesen, wie viele Jugendliche in unseren Tagen an Konfirmations- und Firmkursen teilnehmen, ohne irgend etwas anderes als kommende Geschenke damit zu verbinden.

Doch wie reagieren wir auf die unleugbare Tatsache, dass es eine absolute Sicherheit also nicht geben kann? Die breite Öffentlichkeit reagiert emotional: mit Angst, Wut und dem Ruf nach etwas Unmöglichem. Und unsere Politiker? Nicht wenige von ihnen greifen diese Ängste und Wünsche gerne auf und fordern lautstark eine Verschärfung des Waffengesetzes, die Wertevermittlung an unseren Schulen oder zumindest ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Computerspielen und Videos. Alles Maßnahmen, die Amokläufe niemals wirklich verhindern können. Aber gerade im Wahljahr erweckt man gerne den Eindruck, man könne es doch. Schließlich lassen sich so Stimmungen doch noch in Wählerstimmen ummünzen. Eine solche Vorgehensweise mag man bedauern. Aber solange niemand hören möchte, dass der Kaiser gar nichts anhat, wird es auch keine Politiker geben, die es uns sagen.

Peter Rohling, Berlin

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