Berlin : Eine Splitterpartei namens SPD - Wahlergebnisse in Treptow: 75, 3 % PDS, 5, 4 % SPD

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Ein Supermarkt an der Hauptstraße, langestreckte Wohnhäuser mit hellen, freundlichen Fassaden, zwischen den Vier- und Sechsgeschossern ausgedehnte Grünflächen, eine Kindertagesstätte, eine kleine Drogerie mit grauer Fassade. Graffiti sucht man ebenso vergeblich wie Aufkleber an den Autos. So sieht der Stimmbezirk 55 an der Johanna-Tesch-Straße in Treptow aus. Am Sonntag haben 75,3 Prozent der Wähler ihre Stimme der PDS gegeben. Nur hier in dem ruhigen Gebiet zwischen Oberspreestraße und Spree und in einem Hohenschönhausener Stimmbezirk hat die PDS über 75 Prozent gewonnen. Das Treptower Spitzenergebnis für die PDS ist nicht der einzige Rekord, den die Wähler des Wahlkreises 55 und die von 224 in Hohenschönhausen am Sonntag aufgestellt haben: Die SPD erreichte mit 5,4 Prozent ihren Berliner Tiefstwert.

Nach eigenen Angaben hat die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land im Wahlkreis 688 Mieter registriert. Die Wohnhäuser sind in den Jahren nach 1949 erbaut worden. "Unter den Bewohnern sind viele ehemalige Stasi-Leute vom Wachregiment Feliks Dzierszynski", sagt Regina Martinke, die eine Treptower Geschäftstelle von Stadt und Land leitet. Frau Martinke ist erstaunt über die hohe Stimmenzahl für die PDS, denn "seit 1990 haben in der Hälfte der Wohnungen die Mieter gewechselt". Dem Stasi-Wachregiment gehörten 11 000 Soldaten an, die Regierungsgebäude und wichtige SED-Gebäude bewachten. Im Fall der Mobilmachung hätte die Truppe rund 10 000 Regimegegner festnehmen müssen.

Über 75 Prozent für die PDS, die SPD knapp über fünf Prozent, woran kann es liegen? "Unsere Bürger hier sind enttäuscht. Viele waren Genossen (SED-Mitglieder) und fühlen sich getäuscht durch die Politik der letzten Jahre", sagt ein Mann, der sehr schnell weiter muss. "Hier wählen auch die jungen Leute PDS, denn von der CDU und der SPD erwarten sie nichts mehr", sagt ein anderer Mann. Apropos CDU, die Christdemokraten haben 10,5 Prozent geholt und die SPD damit weit hinter sich gelassen. Doch warum drei Viertel der Stimmen für die PDS? "Die Leute hier hätten natürlich gern die alten Zeiten vor dem Mauerfall, damals waren sie an der Macht beteiligt, heute stehen sie am Rande", sagt eine Frau. Nur die PDS nähre solche Hoffnungen.

Vor einem der Wohnhäuser steht ein Trabant, auf dem Spielplatz der Kindertagesstätte spielen wenige Kinder. Kein einziger Hund auf den Grünflächen zwischen den Häusern. Ein Türflügel schwingt auf, ein Rentner in Windjacke und Jeans geht, ohne nach rechts oder links zu sehen, zu seinem Auto. Knatternd springt der Motor des Trabants an, das Gesicht des Fahrers spielt ins Graue, es verrät keine Regung. Die Mundwinkel zeigen freudlos nach unten.

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