Eine Stadt jagt ein Kraut : Berlin soll ambrosiafrei werden

Ambrosia breitet sich in Berlin aus. Es kann zu Kopfschmerzen führen und Asthma auslösen. Jobcenter schicken Scouts durch die Bezirke, um das giftige Unkraut auszureißen.

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Ambrosia breitet sich in Berlin aus.
Ambrosia breitet sich in Berlin aus.Foto: dpa

Das ist dem Bürger jetzt unangenehm. Mehrmals Entschuldigung erbittend stapft er voran auf dem schmalen Pfad durchs hohe Kraut hinter der Pfarrsiedlung in Neukölln-Süd, Buckow. So ein Aufwand wegen nichts, sagt er, wirklich sehr unangenehm.

Umso besser, sagen die Männer, die ihm gefolgt sind. Die seinetwegen vom Hermannplatz angereist kamen, ebenfalls durchs hohe Kraut stapften und nichts fanden. Es sei doch viel besser, wenn sie umsonst irgendwo hinführen, sagen sie. Denn wenn sie nicht umsonst führen, hätten sie Ambrosia ja gefunden. Und erst das wäre wirklich schlimm.

Ein giftiges Unkraut hat sich angeschickt, sich auszubreiten in Berlin. Hochallergen. Es kann zu Kopfschmerzen und Niesanfällen führen, es kann, wenn nicht erkannt, Asthma auslösen. Aber noch scheint es, als würde das Kraut an der Wehrhaftigkeit der Stadt scheitern. Bautischler Christian Zastrow und Spinnarbeiter Mustafa Kaya, Mitte 40, sind in luftiger Freizeitkleidung unterwegs. Beide wurden wegen anhaltender Arbeitslosigkeit vom Jobcenter Neukölln vermittelt in die Ambrosiamaßnahme des Beschäftigungsträgers Meco.

Dafür hat man sie in einem Hinterhofbüro über die Pflanze informiert, hat ihnen ein Exemplar aufs Fensterbrett gestellt zum Erkennenlernen. „Recht gute Schulung“, sagt Zastrow, der aber trotzdem oft auf Beifuß reinfällt. „Der da“, Zastrow zeigt auf den Kollegen Kaya, „hat den Ambrosiablick.“ Gerade erst hat Kaya in der Lahnstraße eine Ambrosiapflanze entdeckt. Die stand da rum, unbeachtet wie fast alles Grünzeug, das zwischen Gehwegplatte und Hauswand gegen das städtische Grau anwächst. „Wie Petersilie“, sagt er, „bisschen haarig“. Und die Blätter von unten grün.

In der Pfarrsiedlung also nichts gewesen, in der Lahnstraße eine Pflanze ausgerissen. Bekämpft man so die Ausbreitung eines Schädlings? Ja, so sieht es aus. Man geht durch die Straßen der Stadt, einer Stadt, die sich über 891 Quadratkilometer erstreckt, und guckt sich an, was da wächst. Eine herkulische Aufgabe. Die nicht im Ansatz gestemmt würde, wenn nicht im Jahr 2007 im dritten Stock einer Kreuzberger Hinterhoffabrik eine Frau eine Idee gehabt hätte. „Ich bin nämlich Biotechnologin“, sagt Martina Bohnen mit energischer Stimme, daher interessiert an Umwelt. Nun also wirkt sie beim Beschäftigungsträger Meco, denkt sich Maßnahmen aus, stellt die dem Jobcenter vor, hofft auf Bewilligung, dann los. Jahr für Jahr geht das so. Ziel der Maßnahme: Menschen in Arbeit bringen. Ihre Idee, Arbeitslose sollten nach Ambrosia suchen, läuft jetzt schon im vierten Jahr.

2007 gab es noch keine durchstrukturierte Schulung, da hießen die Sucher auch noch nicht Scouts. 2007 musste Martina Bohnen erst mal das bisschen Literatur sichten, das es gab. Die dürren Fakten: eingeschleppt aus Nordamerika durch Warenverkehr, seitdem Verbreitung in Europa von Süden. Martina Bohnen telefonierte herum, erfuhr von Aktionsprogrammen und Ausreißtagen in Österreich, der Schweiz, in südlichen Bundesländern, und gelangte an den Meteorologen Thomas Dümmel von der Freien Universität, Pollensammler quasi von Beruf. Der geriet ob der Aussicht, auf diesem bisher nie gedachten Wege gratis an wichtige Basisdaten zur neuen Bedrohungslage zu gelangen, ganz aus dem Häuschen. Denn er ist einer von denen, die enormen volkswirtschaftlichen Schaden kommen sehen.

Als das Projekt startete, war Oktober – und die Blütezeit vorbei. Also ging es dann 2008 erst richtig los. 25 Leute in der Maßnahme. „Pionierarbeit“, sagt Martina Bohnen am langen Tisch in ihrer Büroetage, der vollgepackt ist mit Abschlussberichten der Ambrosiagruppen der verschiedenen Jahre, „ein bisschen wie Schatzsuche!“ Ihre Leute zogen los mit gepressten Pflanzen als Muster. Sie fotografierten und kartografierten und informierten. Sie entdeckten einen ein Meter 75 hohen Busch am Frankfurter Tor. Sicherten Fundorte in den Branchen am nördlichen Osthafen. Sie fanden Blüten im Dezember, dafür keine Anfang Juli, erst im August also blüht das Kraut, sie entdeckten Pflanzen, wo gar keine sein dürften, zögerten erst, trauten sich dann zu sagen: Wir haben aber recht. So widerlegten sie Literatur, „wir liegen voll in der Forschung“, sagt Martina Bohnen. Ihre Arbeitslosen wurden eine Instanz. Fünf Tage die Woche, täglich sechs Stunden jagen sie die Pflanzen.

Die FU entwickelte einen Internetauftritt, in dem Fundorte beschrieben, Fotos gezeigt und Maßnahmen (mit Wurzel ausgerissen und in den Hausmüll entsorgt) aufgeschrieben werden. Wichtig, um im nächsten Jahr den Fundort zu überprüfen. War das Ausreißen wirksam? Oder wächst da wieder was?

An manchen Stellen, an denen 2009 Ambrosia gesichtet wurde, ist 2010 Ruhe. Trotzdem steigt mit der Zahl der Sucher die Zahl der Fundorte: 2007 waren es allein in Friedrichshain-Kreuzberg 20 Fundorte. 2008 waren es 36. 2009 schon 103. Im vergangenen Jahr wurde im Jobcenterauftrag bereits in acht Bezirken gesucht, mehr als 100 Scouts entdeckten mehr als 700 Standorte, ganze Felder im Neubaugebiet Adlershof, mehr als 1000 Pflanzen am Gleisdreieck. Die Pflanze sei schon dabei, sich zu etablieren, sagt Thomas Dümmel von der FU. Sie mache sich breit, auf märkischen Äckern und in Berliner Straßenfugen, mache sich breit, weil immer neue Samen durch verunreinigtes Vogelfutter eingeschleppt werden, weil sie durch Bauschuttablagerungen kreuz und quer durch die Stadt transportiert werden.

So wertvoll die Arbeit der Scouts für die Wissenschaft und die gesamte Gesundheit der Stadt auch ist: In der Disziplin, um die es doch eigentlich geht im Beschäftigungsträgerwesen, greift sie nicht: der Vermittlung in Arbeit. 2007 hatte das Projekt zehn Scouts, 2008 waren es 25, 2009 schon 30 und 2010 sind es wieder 25. Eine reguläre Arbeit fanden von all denen: drei. „Die Quote ist miserabel“, sagt Martina Bohnen. Aber das Projekt großartig, findet Thomas Dümmel von der FU. Seiner Universität kann man, was man für Ambrosia hält, melden.

Martina Bohnen hatte einmal ihre Bürotelefonnummer rausgegeben, danach aber klingelte ununterbrochen das Telefon, so dass sie tagsüber zu nichts anderem mehr kam. Das Interesse der Bürger an einer ambrosiafreien Stadt ist also groß. Ariane Bemmer

Ambrosiafunde kann man der FU melden unter www.fu-berlin.de/ambrosia.

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