Berlin : Eine Stadt wie aus dem Reisemagazin

„Merian“ hat schon wieder ein Heft über Berlin herausgebracht. Warum eigentlich? Wir haben die neue Ausgabe mit der von 1991 verglichen

Lothar Heinke

Das Titelbild auf Hochglanzpapier ist – dreimal dürfen wir raten – unser vor Glück strahlendes Brandenburger Tor. Dahinter gibt es die pure Lust zum Reisen nach Berlin: Merian, das Reise-Magazin aus Hamburg, hat sich derart in uns Spreekieker verknallt, dass schon wieder ein neues Heft zum schier unerschöpflichen Thema Hauptstadt fertig geworden ist. „Berlin ist angekommen im Herzen der Deutschen“, schreibt der Chefredakteur Andreas Hallaschka, und damit auch wir Berliner es nun endlich mal glauben, kommt es ganz dicke: „Die Hauptstadt ist unsere einzige Metropole, Magnet für Intellektuelle und Kreative und bei allem Föderalismus auch kultureller Fixpunkt. Eine süchtig machende Stadt mit großer Schnauze und großem Herz, wagemutigen, offenherzigen und exzentrischen Menschen. Voll Glamour und Glory, voller Höhenflüge – und ein paar Meter weiter schon Endstation Sehnsucht“.

Das hören wir immer gern, vor allem, wenn es von draußen kommt. Und drinnen, auf 193 Seiten im Heft, mit schönen Bildern und klugen Texten dann auch bewiesen wird. Berlin ist offensichtlich immer öfter ein unerschöpflicher Born nicht nur touristisch interessanter Neuigkeiten. Die Merian-Macher sagen verblüfft, dass sie eigentlich jedes halbe Jahr solch ein Berlin-Heft machen könnten, ohne sich zu wiederholen. Na ja. Die neueste Ausgabe ist bereits die neunte Liebeserklärung an Berlin und die vierte nach der Wende, weitere sollen folgen, denn die Merianer haben herausgefunden: „Keine deutsche Stadt lebt und verändert sich in dieser Geschwindigkeit.“

Reizvoll und aufschlussreich ist ein Vergleich zwischen dem ersten Heft nach der Wende (1991) und dem jetzigen. Damals war die Hauptstadt erst im Werden. Ein Thema: die „schmerzhafte Operation, aus zwei Teilen ein Ganzes“ zu machen. „Vielen Berlinern dauert das alles viel zu lange. Wenn Bundes- und Reichsbahn alle Kräfte zusammennehmen, werden ihre Fernzüge 1997 die Strecke Berlin–Hamburg in zweieinhalb Stunden bewältigen“, hoffte man damals – heute gibt es nur noch eine Bahn, und nach Hamburg geht es in 90 Minuten.

Nicht ganz so funktioniert es mit dem Schloss. Merian Extra von 1991 hat es als aufklappbare Attrappe schon mal aufgebaut und seitenlang begründet, dass der Bau in die Mitte Berlins gehört – auch „als Symbol, das mithelfen könnte, die dringend notwendige gemeinsame Identität von Ost und West zu schaffen“. Manfred Bissinger schrieb damals zum Thema Traditionspflege auf dem Noch-Marx-Engels-Platz: „Die Dreieinigkeit aus angepaßter Politik, gewinnorientierter Industrie und postmoderner Architektur wird zwischen Potsdamer Platz und Spreebogen genügend Raum für ihre biederen Visionen finden.“

Gerade diese „biederen Visionen“ sind es nun, die 14 Jahre danach die Top-Ten der Metropole anführen: „Wieder mittenmang“ ist Judka Strittmatter, wenn sie sich den Hals verrenkt und beschreibt, was aus der größten Baustelle nach dem Mauerfall, dem Potsdamer Platz, geworden ist: „Man kann ihn finden, wie man will. Der Potsdamer Platz ist wieder wer.“ (Nur den Begriff „Potse“ möchten wir bitte auch fürderhin der Potsdamer Straße und nur ihr allein gönnen. Und wer ist eigentlich darauf gekommen, aus Prenzlauer Berg diesen doofen „Prenzlberg“ zu machen?)

Auch der einst so öde Spreebogen hat seine Visionen längst hinter sich, ob bieder oder nicht – er bietet Raum für Bilder und Geschichten. „Der fremde Planet“ ist die Story über unsere Polit-Repräsentanten überschrieben: Sie sind „im Regierungsviertel mittendrin und dem Leben doch so fern“. Ganz anders dagegen gibt sich „Berlins höfische Mitte“, die Hinterhoflandschaft ist so bunt und munter wie die „Lebenslust im Wasser-reich“, Preußens schöne Seele tickt nicht auf dem noch immer sterilen Schlossplatz, sondern in Potsdam, Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Kippenberger fühlte die „große leere Stille“ im Jüdischen Museum, und Jutta Voigt fand „Vögel ohne Flügel“ im Zufluchtsort der Armen, in Pankows Suppenküche.

1991 gab es noch vier Seiten über Clärchens Ballhaus, aber dieses Etablissement der kleinen Leute ist nun nur noch Erinnerung. Bis zum nächsten Heft.

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