Berlin : Eine Stimme für Rom

Wahlkampf in Berlins Pizzerien: Elisa De Costanzo kandidiert für das italienische Parlament

Elisabetta Abbondanza

In Italien ist sie vor 49 Jahren geboren und aufgewachsen, dort hat sie Philosophie studiert. Wenn man sie aber fragt, wo sie zu Hause ist, sagt Elisa De Costanzo ohne nachzudenken: „In Berlin, obwohl es hier manchmal tierisch kalt ist.“ Vor 23 Jahren kam sie mit der Theatertruppe von Dario Fo und Franca Rame hierher – und habe sofort gewusst, dass es ihre Stadt ist. Kurz danach begann sie in Berlin Psychologie zu studieren.

Zurzeit ist Elisa De Costanzo schwer zu erreichen. Vor knapp einem Monat entschloss sie sich, für die italienische Parlamentswahl im April zu kandidieren und trat in die Senatsliste der mit Romano Prodis „Unione“ verbündeten Partei „Italia dei Valori“ ein. Seitdem steckt sie über beide Ohren im Wahlkampf und reist kreuz und quer durch Deutschland und Europa.

Es ist das erste Mal in der Geschichte Italiens, dass die im Ausland lebenden Italiener eigene Kandidaten aufstellen und per Brief wählen dürfen. Nur sind die Kandidaten ziemlich verstreut in der Welt. Für den europäischen Wahlkreis lebt ein Kandidat zum Beispiel in Malta, der andere in der Schweiz, der dritte in Holland, oder eben in Berlin, wie De Costanzo. Deshalb muss die inzwischen leicht atemlose Kandidatin ständig bereit sein, auch kurzfristig zu Debatten und Kundgebungen nach Prag, Köln oder Amsterdam zu eilen. Gleichzeitig läuft der Wahlkampf in Berlin weiter, von Nicht-Italienern kaum bemerkt. Zwar sind keine Wahlplakate von der hübschen Italienerin zu sehen, aber ihr Wahlprogramm, mit Foto und Lebenslauf, ist inzwischen auf der Internetseite ihrer Partei abrufbar, und während die italienischen Fernsehsender die immergleichen bekannten Politiker-Gesichter zeigen, verteilen hier Freiwillige kleine Flugblätter mit dem Bild der Berliner Kandidatin in den Pizzerien und vor den italienischen Schulen. Vor kurzem hat „Radio Colonia“ im WDR das Duell zwischen Elisa De Costanzo und einer beherzten Kontrahentin gesendet.

Politisch engagiert ist De Costanzo seit den frühen 80er Jahren, als sie mit einer ganzen Welle von Italienern nach West-Berlin zog, um fern von ihren engen katholischen Heimatorten neue Wege auszuprobieren. Sie arbeiteten hier und da, studierten, verliebten sich, diskutierten über Politik, am liebsten, erinnert sich Elisa De Costanzo, in der ehemaligen Osteria Nr. 1 in Kreuzberg, dem Stadtteil, wo sie alle wohnten. Viele blieben, gründeten Familien. Elisa De Costanza zog nach Wilmersdorf, andere nach Friedenau oder Charlottenburg. Die einen machten ein Geschäft, eine Galerie oder ein Restaurant auf, andere wurden Lehrer, Künstler oder Übersetzer. Elisa wurde Psychologin und lehrt heute Wirtschaftspsychologie an der Freien Universität. Nebenher mischte sie in den offiziellen Vertretungen und Vereinen der italienischen Migranten mit. Im Laufe der Jahre beteiligte sie sich an Projekten zur Sprachförderung für italienische Schüler und in der Berufsbildung für Jugendliche.

Seit 2004 ist sie Vorsitzende der Comites, der politischen Vertretung der Italiener in Berlin und Brandenburg. Im sardischen Kulturzentrum in Charlottenburg berät sie einmal pro Woche ihre Landsleute etwa zu Fragen der Integration der Kinder in deutschen Schulen.

Nach der heutigen Beratung wirkt Elisa De Costanzo etwas müde. Sie zieht ihren Mantel an, bleibt aber im Raum und ordnet ihre Unterlagen. Ist das ihr Leben: tagsüber in der Uni und abends bei den Comites? Nicht ganz. Sie geht abends gerne aus, bevorzugt natürlich italienische Restaurants, und sie liebt das klassische russische Ballett in der Deutschen Oper. Als Mädchen träumte sie davon, selbst Tänzerin zu werden.

Und einmal im Monat fliegt sie nach Rom, zu ihrer Mutter und dem langjährigen Freund. Früher, erinnert sie sich, ging es ganz billig von Schönefeld aus mit Interflug. Früher. Sie redet gerne über die alten Zeiten, als in Berlin nicht alles so zugebaut war und sie noch in Kreuzberg wohnte; in einer Hinterhofwohnung mit einem Fenster zur Brandwand. Im Hof gab es einen großen Kastanienbaum und auf der Brandwand stand geschrieben: Meine Vernunft rennt mir nach, ich bin schneller. Diesem Motto ist Elisa bis heute treu geblieben.

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