Berlin : Eine Straße zum Hundertsten

Die umstrittene Treitschkestraße wurde gestern in Kurt-Scharf-Straße umbenannt – zunächst nur symbolisch

Frank Thadeusz,Cay Dobberke

Von Frank Thadeusz

und Cay Dobberke

Steglitz. Etliche Straßennamen aus der Nazizeit haben die Jahrzehnte überdauert, etliche Straßen wurden inzwischen umbenannt. Doch an einigen Orten wird erbittert um die alten Schilder gestritten. So zum Beispiel in Steglitz. Hier wurde gestern ein mit Folie überzogenes Pappschild enthüllt, und schon hieß die Treitschkestraße – zumindest symbolisch – Kurt-Scharf-Straße. Mit dieser Aktion zum 100. Geburtstag des ehemaligen Bischofs der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Kurt Scharf (1902-1990), protestierten gestern Vertreter der Patmos-Gemeinde in Steglitz sowie der Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen gegen den bisherigen Namensgeber der Straße: den preußischen Staatshistoriker Heinrich von Treitschke (1834-1896), dessen antisemitische Grundhaltung in dem Satz „Die Juden sind unser Unglück“ gipfelte.

„Treitschke hat mit seinen Schriften den Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft etabliert“, sagte die Pfarrerin der Evangelischen Patmos-Gemeinde in Steglitz, Gabriele Wuttig-Perkowski. Scharf hingegen habe auf der Seite der Menschen gestanden, die alleine waren und angefeindet wurden. Dass eine Straße im Zentrum des Bezirks nicht nach einer derart umstrittenen Figur benannt sein darf, darüber herrschte in der Steglitzer Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zunächst Einigkeit. Nach einem verfehlten Kompromiss und mehrjährigem Streit unter den Parteien sind die Fronten jedoch verhärtet: Die Mehrheit aus CDU und FDP lehnt die von der SPD und den Grünen geforderte Umbenennung strikt ab.

„CDU und FDP können nicht mehr hinter ihre Positionen zurück. Die Zeit, wo wir uns um einen Kompromiss bemüht haben, sind vorbei“, sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Irmgard Franke-Dressler. Die jüngste Initiative genieße ausreichend Rückhalt: „Wir haben sehr viel Unterstützung von Anwohnern, umliegenden Schulen und Geschäftsleuten erhalten.“ Der CDU-Fraktionsvorsitzende Rene Rögner-Francke mochte die symbolische Aktion nicht kommentieren. „Das ist nicht unsere Sache. Wir werden uns zu gegebener Zeit in der BVV mit diesem Thema beschäftigen.“ SPD-Fraktionschef Klaus Kugler will den Gegnern der Umbenennung noch eine „Denkpause“ einräumen. „Es gibt eine Schamfrist, aber wenn die ohne Einigung verstrichen ist, werden wir uns an die entsprechenden Stellen im Senat wenden“.

Zuletzt hatte sich der amtierende Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, im Tagesspiegel für die Namensänderung der Treitschkestraße zu Gunsten seines Vorgängers Kurt Scharf stark gemacht. Dieser hatte regelmäßig in der Patmos-Gemeinde gepredigt. Anlässlich von Scharfs Geburtstag lud die Evangelische Kirche am Montagabend zum Gedenken in den Französischen Dom ein.

Ein ähnlich gelagerter Streit um die Umbenennung des Seebergsteigs in Grunewald ist unterdessen so gut wie entschieden: SPD, Grüne und FDP wollen den Namen des Theologen Reinhold Seeberg (1859-1935) aus dem Straßenbild tilgen, weil dieser antisemitische Schriften verfasst habe und damit ein „Wegbereiter“ des Nationalsozialismus gewesen sei. Künftig soll die Straße den Namen der jüdischen Pädagogin Toni Lessler tragen, die bis 1939 die „Private Waldschule Grunewald“ geleitet hatte.

Dafür sprachen sich bereits mehrere Ausschüsse der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf aus – jeweils gegen die Stimmen der CDU. Die endgültige Entscheidung ist für die November-Sitzung der BVV geplant. Die CDU kritisiert dies als „Missachtung von Bürgerinteressen“. Sie will den bisherigen Straßennamen lediglich in einen anderen Zusammenhang stellen: Zusatztafeln an den Schildern sollten auf den Ortsteil Seeberg in Altlandsberg hinweisen, heißt es.

Anwohner werfen den Befürwortern der Umbenennung vor, diese über ihre Köpfe hinweg zu betreiben. 74 der rund 100 Anlieger unterzeichneten ein Protestschreiben. Es gehe um Kiezverbundenheit und „nicht nur darum, dass wir unser Briefpapier nicht ändern wollen“, sagt Mario Blochwitz, einer der Initiatoren.

Blochwitz beruft sich auf den Historiker Günter Brakelmann, der über Seeberg publiziert hat und jetzt in einer Stellungnahme schrieb, der Theologe sei „kein Vorbereiter des Holocaust“ und auch kein „Rasse-Antisemit“ gewesen. Ganz anders deutet der SPD-Fraktionsvorsitzende Marc Schulte den Brief des Professors. Darin stehe ja auch, dass Seeberg ein „Antijudaist und kultureller Antisemit“ war. Allein dies sei bereits ein Grund für die Umbenennung.

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