Eine Südafrikanerin in Berlin : Sicherer denn je

Zuhause warnte man sie: Berlin ist gefährlich! Heute kann unsere Autorin darüber nur lachen. Leila Samodien fühlt sich in Deutschland so sicher wie nie zuvor.

Leila Samodien
Kriminalität ist in Berlin an der Tagesordnung. In ständiger Angst muss man hier trotzdem nicht leben.
Kriminalität ist in Berlin an der Tagesordnung. In ständiger Angst muss man hier trotzdem nicht leben.

Man sagte mir, dass Berlin ein ziemlich rüder Ort sei, zumindest verglichen mit dem Rest des Landes. Möglicherweise stimmt das. Als Südafrikanerin jedoch muss ich sagen: Ich habe mich in meinem Leben nie sicherer gefühlt als in dieser Stadt. Abgesehen vielleicht von der Zeit, als ich ein argloses, sechsjähriges Kind war, fest überzeugt davon, mein Vater könne alles außer fliegen und Krebs heilen. Erst mit dem Älterwerden realisierte ich, dass Freiheit an mehr hängt als freien Wahlen und der Demokratie auf dem Papier. Frei sein, das heißt auch, in der privilegierten Situation zu sein, eigene Entscheidungen treffen zu können, und seien sie schlichtester Art: Kommen und Gehen wann du willst und wohin du willst. Die Realität in Südafrika sieht anders aus.

Die Regeln sind einfach und du lernst sie schnell: Benutze niemals ein öffentliches Verkehrsmittel bei Nacht, verriegele stets die Fenster, wenn du Auto fährst und öffne sie, auch im Notfall, unter keinen Umständen mehr als wenige Zentimeter. Benutze dein Mobiltelefon nicht in Bus oder Bahn, jemand könnte es dir aus der Hand reißen während du sprichst. Schließe deine Haustür zu jeder Tageszeit ab, bewege dich nach Sonnenunterlang niemals alleine und meide, auch in der Gruppe, menschenleere Straßen. Vor allem aber: Traue nie einem Fremden, und wenn er noch so unschuldig nach dem Weg fragt oder nach Feuer.

Selbst Mandelas Familie geriet in Hinterhalt

Und trotz aller Sicherheitsmaßnahmen und –vorkehrungen (Alarmanlagen, Stacheldrahtzäune, hohe Mauern und Eisengitter) gilt: Niemand ist gänzlich geschützt vor kriminellen Übergriffen in Südafrika. Selbst Familienangehörige von Nelson Mandela gerieten auf dem Nachhauseweg von Mandelas Geburtstagsparty einst in einen Hinterhalt und wurden Opfer eines (versuchten) Raubüberfalls.

Ich bin noch immer ganz gut davon gekommen. Einmal brach man in unser Haus ein, einmal knackte man mein Auto auf, einmal stahl man mir auf einem Festival mein Handy aus der Tasche. Einmal wurden meine Familie und ich mit einer Pistole bedroht und ausgeraubt. So aufgelistet muss das auf einen Deutschen erschreckend wirken, aber in meinen Augen ist es nicht die Aufzählung der Übel, die mir widerfahren sind, sondern die der Situationen, in denen ich Glück gehabt habe. Als Journalistin schreibe ich täglich über weniger glimpflich endende Fälle. Über geraubte und getötete Kinder, Menschen, die wegen ein oder zwei Euro erstochen wurden, Mädchen, die von einem Mann in Polizeiuniform entführt und vergewaltigt wurden oder Familien, die allein deshalb angegriffen wurden, weil sie Somalier waren, auf der Suche nach ein besserem Leben in Südafrika.

Kulturschock in Berlin

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich liebe Südafrika, insbesondere meine Heimatstadt, Kapstadt. Ich bezweifle, dass ich jemals längerfristig andernorts leben will. Aber abseits der Strände, der freundlichen Gesichter, der facettenreichen Kulturen und der einladenden Lichter der Weltmeisterschaft leben wir Südafrikaner Tag für Tag mit der dunklen Ahnung einer drohenden Gefahr.

Lasse ich meine Jacke auf dem Autorücksitz zurück, kann das Diebe anlocken. Ein Portemonnaie sollte nirgendwo und zu keiner Zeit offen abgelegt werden. Beim Verlassen des Hauses tue ich gut daran, nach der unscheinbaren, verschlissenen Handtasche zu greifen, denn jede andere zieht nur unnötig Aufmerksamkeit auf ihre Trägerin. Und einigermaßen sicher ist mein Mobiltelefon ausschließlich an Orten, an denen ich es später nicht klingeln höre. Überlegungen dieser Art sind alltäglich für mich, oftmals finden sie nahezu unbewusst statt. Ich handele automatisch danach, habe mich daran gewöhnt. Es ist okay für mich. Wie lächerlich erscheint mir da rückblickend mein Verhalten bei meiner Ankunft in Berlin. 

Der erste Kulturschock: Als ich mit einer meiner beiden Mitbewohnerinnen unsere Wohnung verließ, schloss ich hinter mir die Tür ab. Meine Bekannte rief erstaunt: Schließ nicht ab! Da ist doch jemand drin! Umso mehr Grund habe ich doch, abzuschließen, entgegnete ich energisch, gewillt, meine Mitbewohnerin zu schützen.

Berliner sind sorglos

Als die Wochen vergingen, registrierte ich mehr und mehr, wie sorglos die Berliner sind. Nach und nach verlor auch ich meine Ängste. Ich begriff: Hier konnte ich an heißen Tagen die Fenster öffnen, selbst wenn keiner zuhause war. Ich konnte um ein Uhr nachts allein mit dem Bus fahren, die letzten Meter nach Hause unbekümmert zu Fuß zurücklegen. Ich brauchte keine Angst vor dem Mann mit dem Kindersitz am Fahrrad zu haben, durfte davon ausgehen, dass er tatsächlich Vater ist und keine Bedrohung. Es gab keine Notwendigkeit, im Bus meine Handtasche an mich drücken. Wenn ich meine Schlüssel vergaß, konnte ich davon ausgehen, dass mein Vermieter mir, ohne lange Beweise einzufordern, den Ersatzschlüssel aushändigen würde. Ich konnte meine Einkaufstüten für ein paar Minuten unbeaufsichtigt lassen. Das alles war extrem ungewohnt für mich.

Nichtsdestotrotz, ein Grundmisstrauen bleibt. Nicht anders ergeht es einer weiteren Mitbewohnerin, die aus Johannesburg kommt, der Stadt, die als gefährlichste Südafrikas gilt.

Eines Tages kam sie nach Hause erzählte mir, was ihr just widerfahren war. Auf dem Heimweg hatte sie einen Mann bemerkt, der bereits seit sie den Supermarkt verlassen hatte hinter ihr gegangen war. Er folgte ihr in den Hauseingang, kam ihr hinterher, die Treppen hoch, machte Halt, als sie Halt machte. Ängstlich wich sie zurück, begann hastig, vor der Tür, die ihrer Wohnungstür gegenüber war, in ihrer Tasche zu kramen, als ob sie den Schlüssel suchte. Sie wollte abwarten, ob er weitergehen oder was er als nächstes tun würde. Er sagte: „Entschuldige. Du versperrst mir den Weg zu meiner Wohnung.“ Wahrscheinlich ist es nur gut, wenn wir uns nicht zu sehr an dieses Sicherheitsgefühl gewöhnen – denn in ein paar Wochen sind wir wieder zuhause.

Aus dem Englischen übersetzt von Maris Hubschmid

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