Berlin : Eine Terz tiefer gelegt

Tokio Hotel im Ritz-Carlton: Die Band blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Heute gibt’s die neue Single

Sebastian Leber

Der Song „Schrei“ war ihr Tiefpunkt. Der Karriereknick. Vielleicht lag es an den krachenden Gitarren, vielleicht kam im Text zu wenig Herzschmerz vor. Jedenfalls blieb die Single hinter den anderen zurück: Sie schaffte es nur auf Platz zwei der deutschen Charts.

Ansonsten landet alles, was Bill, Tom, Georg und Gustav veröffentlichen, auf Platz eins. Seit zwölf Monaten geht das so, seit die Plattenfirma Universal sie unter Vertrag nahm. Wo die Magdeburger in der Öffentlichkeit auftauchen, sind Fans und Reporter schon da. Das kann doch nicht gesund sein für die Psyche von vier Musikern, von denen der Älteste 19 ist. Oder? „Ganz ehrlich: Ein besseres Leben kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Sänger Bill, der mit dem schwarzen Pumuckl-Haar. Wenn er überlegt, wie sein Leben bis vor einem Jahr aussah – sechs Uhr aufstehen, fertig machen, auf den Schulbus warten – da will er auf keinen Fall hin zurück.

Heute ist es ruhig vor dem Ritz-Carlton am Potsdamer Platz. Kein einziger Fan wartet am Eingang. Tokio Hotel sind für zwei Tage in Berlin, um Interviews zu geben für ihre neue Single „Der letzte Tag“, die heute erscheint. Oben im Sechsten sitzen sie auf der Couch. Zu dritt, der Bassist arbeitet im Studio am nächsten Album. Das Leben als Rockstar hat Vorzüge, sagt Bill. Zum Beispiel Hotelzimmer. Edle, vornehme Hotelzimmer. Sonst noch was? Dass man viel herumkomme. Einer der schönsten Momente bisher war, als sie den Bambi bekamen. Nicht als beste Newcomer, sondern gleich als beste deutsche Popband.

Nachteile gibt es auch. Um bei Tokio Hotel glücklich zu werden, muss man Humor haben, sagt Tom. Sonst halte man den ganzen Spott nicht aus. Das Satiremagazin Titanic hatte sie auf dem Titelbild drauf, darunter die Zeilen „Dann lieber aussterben: Vier gute Gründe gegen Kinder“. Das fand die Band witzig. Weniger lustig seien die Parodien auf ihre Lieder – statt „Durch den Monsun“ wird dann „Ich bin so schwul“ gesungen. Damit können sie leben, sagt Gitarrist Tom. Aber lachen können sie nicht darüber. Auch nicht so schön: Wenn es wieder heißt, Bill sei durch die Karriere magersüchtig geworden. Aber egal: Früher oder später kommen noch ganz andere Geschichten, glaubt Tom. Tokio Hotel auf Drogen. Tokio Hotel am Ende. Irgendsowas.

Die Paparazzi nerven. Die lauern inzwischen überall. Und seit einigen Wochen ist es noch schlimmer geworden, sagt Tom. Viel schlimmer. Seit die Bild-Zeitung ihre Leser auffordert, mit Handykameras Prominente aufzunehmen und die Bilder der Redaktion zu schicken, sind Tokio Hotel von Mobiltelefonen umzingelt. Das erste Mal haben sie das in Berlin gemerkt. Da saßen sie beim Robbie-Williams-Konzert auf der Tribüne, „und von wirklich überall wurden Handys auf uns gerichtet“, sagt Bill. Weil es gar nicht so leicht sei, mit den Dingern scharfe Bilder zu machen, klebten ihnen die Kameras oft minutenlang vorm Gesicht. Tom kann verstehen, dass manche Stars Aggressionen gegen aufdringliche Paparazzi haben. Gut möglich, dass er selbst mal einem „eine knallt“. Natürlich einem professionellen, nicht dem Fan mit Foto-Handy. Ja, so was dürfen Tokio Hotel sagen. Da gibt es keine Vorschriften vom Management. Die Frau von der Plattenfirma sitzt in der Ecke und spielt mit ihrem Hund. Tom erzählt auch, dass er gelegentlich weibliche Fans mit aufs Zimmer nimmt. „Aber nicht so viele wie die, die im Fernsehen genau das behaupten.“

Komisch finden die drei, wenn sie sich Aufzeichnungen ihrer Auftritte von vor zwölf Monaten ansehen. Wie jung sie damals aussahen, grinst Bill. Und dann erst seine Stimme: Bei den Aufnahmen fürs Debütalbum war er 14 und noch nicht im Stimmbruch. Jetzt ist er 16. Und muss alle Songs eine Terz tiefer singen.

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