Berlin : Eine tickende Zeitbombe Die Suche nach dem Motiv

Der verurteilte Frauenmörder Hansjoachim W. fiel Mithäftlingen schon vor seiner Entlassung als schwieriger Fall auf Nach der Tragödie in Friedenau ermittelt die Polizei im Umkreis des Paares Der 20-jährige Dorian B. hatte erst seine Freundin, dann sich selbst getötet

Jörn Hasselmann

Gefangene aus Tegel werfen der Justizverwaltung vor, den Mord an der 59-jährigen Barbara W. mitverschuldet zu haben. Denn einer der beiden Tatverdächtigen ist ein schwer drogensüchtiger Schwerkrimineller, der über 21 Jahre wegen dreifachen Mordes abgesessen hatte. „Es gab keine Therapie und keine Hilfe, der ist einfach ausgespuckt worden aus dem Knast“, berichteten mehrere Häftlinge der Justizvollzugsanstalt gestern. Die Gefangenen aus Haus 3 – dort sitzen die zu langen Strafen verurteilten Schwerverbrecher – berichteten weiter, dass der Frauenmörder Hansjoachim W. vor der Entlassung prophezeit hätte, „er schaffe das draußen nicht“. Ein Justizsprecher sagte dazu gestern, dass sehr wohl versucht worden sei, W. zu helfen, „doch wir können niemanden zu einer Therapie zwingen“. Bis zuletzt soll W. in Tegel harte Drogen konsumiert haben. Unter Heroinentzug hatte der Schöneberger, wie berichtet, 1986 drei Frauen, darunter seine Großtante erdrosselt, um an Geld für Drogen zu kommen. Am 15. Juli diesen Jahres hatte W. mit seinem Komplizen V. am Nollendorfplatz eine 59-Jährige erwürgt und beraubt. Beide waren wenige Tage später festgenommen worden und sitzen jetzt in U-Haft. W. droht nach dem vierten Mord nun Sicherungsverwahrung.

Ein Justizsprecher betonte, dass Hansjoachim W. sehr wohl unter Führungsaufsicht gestanden habe. Dies bedeutet, dass er sich regelmäßig bei seinem Bewährungshelfer melden muss. Dies habe der am 25. Januar Entlassene zunächst auch getan, dann sei W. jedoch nach Hamburg gezogen.

Der Rückfall des 43-jährigen W. nach seiner Entlassung ist laut Einschätzung von Häftlingen bei langen Haftzeiten die Normalität: Mehrfach hatten in der letzten Zeit frisch entlassene Verbrecher schwerste Taten begangen. Zwölf Tage nach seiner Entlassung hatte Mike B. im Sommer 2006 seine Freundin erschlagen. Im Sommer 2007 hielt der verurteilte und gerade entlassene Mörder Bernd H. bei einem Raubüberfall eine Pistole auf einen Polizisten. Die Waffe klemmte, Minuten später erschoss sich der 48-Jährige. Ende vergangenen Jahres verletzte Mike John Mc C seine Freundin schwer, kurz nachdem er aus Tegel entlassen worden war. „Die meisten scheitern draußen“, sagen Häftlinge aus Haus 3.

Merkwürdig sei zudem, sagen Mitgefangene, dass Hansjoachim W.s Komplize Maik V. überhaupt im Schwerverbrecher-Haus 3 seine Strafe absitzen musste, da er wegen Betruges nur zu fünf Jahren verurteilt worden sei. Möglicherweise sei die Unterbringung dort als interne „Bestrafung“ erfolgt. Zudem in einer Zelle mit einem Dreifachmörder, den Gefangene wie Justiz gleichermaßen als „schwierig“ beschreiben. Durch die gemeinsamen Monate in einer Zelle sei der 32-Jährige V. erst richtig auf die schiefe Bahn geraten, wurde kritisiert. Dem Vernehmen nach sollen sich die beiden die Unterbringung in einer Zelle jedoch gewünscht haben – weil sie ein Liebespaar sind. Kurz nach W. wurde auch Maik V. entlassen.

Eine Resozialisierung finde vor allem bei „schwierigen“ Gefangenen nicht statt, kritisieren Tegelianer. Auch die Insassenvertretung hat wiederholt kritisiert, dass aus Personalmangel „keinerlei Entlassungsvorbereitungen gewährt werden“. Gegen die Zustände in Tegel hatten vor zwei Jahren 20 Gefangene protestiert, indem sie ihre Briefwahlunterlagen an den Tagesspiegel geschickt hatten – auch Hansjoachim W. hatte sich an der Aktion beteiligt.

Der Täter ist tot – doch damit ist für die Ermittler der Mordkommission der Fall aus Friedenau noch lange nicht abgeschlossen. Fest steht lediglich, dass es sich offenbar um eine Beziehungstat handelte, bei der am Sonntag die 19-jährige Vanessa H. von ihrem Verlobten in ihrer Wohnung erwürgt wurde. Anschließend erhängte sich Dorian B., 20 Jahre alt, mit dem Duschschlauch. Das hat auch das Obduktionsergebnis bestätigt. Doch das Motiv der Tat ist noch nicht eindeutig geklärt. „Zur Aufklärung einer Straftat gehört, den Täter zu finden, aber auch, das Motiv zu erhellen“, sagte gestern der Leiter der 5. Mordkommission, Michael Hoffmann. Also versuchen die Beamten aufzuklären, was Dorian B. zu dem Mord an seiner Freundin getrieben hat.

Laut Hoffmann haben seine Ermittler schon „einige Ansätze“, doch offiziell will sich die Polizei noch nicht dazu äußern. Allerdings verdichten sich die Hinweise, dass Dorian B. Angst hatte, dass seine große Liebe ihn verlassen könnte. Die beste Freundin von Vanessa hatte der „Bild“-Zeitung berichtet, dass es schon seit Wochen zwischen dem Paar, das sich vor einem Jahr im Internet kennengelernt hatte, kriselte. Wie berichtet, hatten Vanessa und Dorian ihre Liebe im Internet dokumentiert – vor allem im Chatforum „knuddels.de“. Dort war auch zu lesen, dass sich die beiden am 11. November 2007 verlobt hatten. Vor einigen Monaten soll Dorian, der nicht weit entfernt in der Wilmersdorfer Wohnung seiner Eltern lebte, sogar zu Vanessa in die Einzimmerwohnung gezogen sein. Doch bei ihrer Freundin beklagte sich Vanessa in den vergangenen Wochen, dass Dorian nie aufräume und ständig vor dem Fernseher oder dem Computer sitze. In einer privaten E-Mail an die Freundin schrieb Vanessa zuletzt am Sonntag: „Wenn ich jetzt mit ihm Schluss mache, dann wird er gehen wollen. Aber kann ich ihn mitten in der Nacht gehen lassen? Das ist ja auch mies.“

Die Ermittler der Mordkommission versuchen, das Motiv zu ergründen, indem sie zum einen Angehörige, Verwandte und Freunde des Paares befragen. Zum anderen überprüfen sie aber auch die Chatkontakte der beiden, die sich im Internet als „Luftikuss007“ (Vanessa) und „New Shadow“ (Dorian) ausgaben, sagt Chef-Ermittler Hoffmann. Auch E-Mails würden nachverfolgt. Allerdings waren alle Verbindungen, die auf die Seiten von Luftkuss007 und New Shadow auf „knuddels.de“ führten, gestern schon aus dem Netz genommen worden.

„Knuddels.de“ ist eine Chatgemeinschaft für Jugendliche und junge Erwachsene. Jeder, der sich dort mit einem Spitznamen registriert, kann mit circa zwei Millionen Leuten, die hauptsächlich aus dem deutschsprachigen Raum kommen, online kommunizieren. In über 100 sogenannten Channels, die in sieben Kategorien gegliedert sind (z.B. „Flirt“ oder „Lokalrunde“), kann man sich unterhalten. Wer sich jedoch gestern einloggte und fragte, ob der Tod von Luftikuss007 und New Shadow thematisiert werde, wurde vom Administrator, der den Chat „überwacht“, darauf hingewiesen, zu diesem Thema bitte keine Umfragen zu starten.

Gestern, am Tag nach der Tat, war im Netz noch ein von Dorian produziertes Video mit dem Titel „Trauer“ zu finden, in dem er die Angst vor dem Verlust seiner ersten großen Liebe thematisierte („Ich war so oft, so lang, allein und einsam“). Ermittler Hoffmann sagt: „Alles, worauf wir sofort Zugriff haben, werten wir aus. Für die nicht mehr sichtbaren Kontakte benötigen wir einen richterlichen Beschluss.“ Tanja Buntrock

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