Berlin : Eine Transe für alle Fälle

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Von Björn Seeling

Dieses Mädel hätten viele Mütter gern als Schwiegertochter: charmant, selbstbewusst, flottes Mundwerk, Modelfigur (Konfektionsgröße 38), Beine bis obenhin, eben attraktiv bis unter die blonden Haarspitzen. Die junge Dame (Jahrgang 1976) hat alles zu bieten, und noch das eine oder andere Detail mehr. Biggy ist eine Drag Queen, ein Kerl in Frauenklamotten. Auf die Frage nach dem echten n mit einem ironischen Lächeln antwortet sie: „Ich heiße in Wahrheit Brigitte.“ Aber selbst bei Freunden und Bekannten heißt Frau von Blond nur „Biggy“, auch dann, wenn sie als Junge von nebenan die Clubs der Stadt unsicher macht.

Beim heiteren Beruferaten würde Biggy wohl als „professionelle Blondine“ eingeladen. So bezeichnet sie selbst ihren Job. Die Kandidatin könnte auch mit „Ja“ antworten, wenn das Rateteam nach Berufen wie Entertainerin, Moderatorin, Schauspielerin, Model oder Partyqueen fragte. Biggy unterhält mit flotten Sprüchen das Publikum vor der Bühne des lesbisch-schwulen Stadtfestes, trägt die Kreationen eines befreundeten Modemachers auf dem Laufsteg und legt Platten auf.

Oder die junge Dame macht Gastauftritte in TV-Serienkrachern wie „Dr. Stefan Frank - der Arzt, dem Frauen vertrauen“ oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Letztens ließ sie sich sogar im „Klinikum Berlin-Mitte“ verarzten. „In mir brennt nicht das Feuer eines Darstellers“, sagt sie belustigt, „ich spiele mich selber.“ Zum ersten Mal hat sie dies bei der „aha“ gemacht, dem Kreuzberger Lesben- und Schwulenprojekt. Auch diese Erinnerung gibt Anlass für ein Scherzchen: „Mein Gott, da muss ich elf gewesen sein.“ Unter den Zuschauern war auch Biggys Mutter. Die kam auch später zu ihrem erfolgreichen Auftritt als Smegmeralda in der deftigen Persiflage „Der Bimmler von West-Berloen“.

Erst eine eigene Fernsehsendung hat Biggy so richtig auf die Karrieresprünge geholfen. Bei TV Berlin durfte sie anderthalb Jahre „Auf Draht“ sein. Die professionelle Blondine, eigentlich nur als Urlaubsvertretung engagiert, quatschte mit den Zuschauern über Themen von Kuchen- bis Hinterbacken. Unterstützt wurde sie zeitweise von einer anderen Professionellen, von Molly Luft, der „dicksten Hure Berlins“. Aber irgendwann war trotz Molly die Luft raus. Biggy ging, als der neue Intendant kam.

Erst neulich guckte Biggy wieder mal von einem Foto aus der „Bunten“: Hat sie keine Angst, dass mal jemand „Genug ist genug“ rufen könnte? „Darüber mache ich mir keine Gedanken. Es ist doch schön, wenn mich die Leute mögen“, sagt sie. „Ich mache aber auch nicht alles.“ Für konservative Poltik würde sie sich ebenso wenig einspannen lassen, wie für eine konservative Betriebsfete. Dabei geht es in beiden Fällen wohl nur um das Eine: einen Schuss Exotik. Auftritte von Drags sind schick. Da hat das heterosexuelle Publikum was zu erzählen; keine Theater-Premiere oder Club-Eröffnung, auf der echte Männer nicht mit falschen Wimpern klimpern. Biggy sieht in dieser Kommerzialisierung des Transenwesens eine Chance: „Die Leute werden mit einer fremden Lebensweise konfrontiert. Das ist ein politischerer Akt als manche andere Aktion.“ Ebenso „politisch“ ist für sie der Umzug zum Christoper Street Day. „Wenn ich sehe, dass die Boulevardzeitungen das Ereignis positiv kommentieren, dann ist das doch super.“ Über das Feiern sollten aber Vereine nicht vergessen werden, denen der Umzug zu teuer ist.

Auch am CSD gilt: Blondinen bevorzugt. Biggy muss abends arbeiten, legt bei der Party im Kino International auf. Aber was heißt hier Arbeit? „Ich amüsiere mich dabei und kriege auch noch Geld dafür.“ Blondine müsste man sein.

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