Berlin : Eine unglaubliche Beziehung

Wie die Vorbilder für den französischen Kinohit „Ziemlich beste Freunde“ mit gegenseitiger Hilfe das Teilhabe-Prinzip verwirklichen.

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An dem echten Helden aus dem Kinohit „Ziemlich beste Freunde“ fällt zuallererst sein freundliches Gesicht auf. Kann man nach Schicksalsschlägen, wie er sie erlebt hat, wieder glücklich werden? Philippe Pozzo di Borgo war 42 Jahre alt und Geschäftsführer des Champagnerhauses Pommery, als er einen Gleitschirmunfall hatte und vom Hals abwärts gelähmt blieb. Als er nach anderthalb Jahren im Krankenhaus endlich nach Hause kam, war seine Frau sterbenskrank und hatte nur noch kurze Zeit zu leben.

Er brauchte einen Intensivpfleger und hätte die Wahl gehabt zwischen lauter hoch qualifizierten Bewerbern. Aber er entschied sich für einen ungehobelten, arbeitslosen, vorbestraften Immigrantensohn, der ursprünglich gar nicht bei ihm arbeiten wollte. Abdel Sellou war zum Bewerbungsgespräch nur gekommen, weil er eine Unterschrift fürs Arbeitsamt brauchte. Das war der Beginn einer unglaublichen Beziehung. Die Verfilmung „Ziemlich beste Freunde“ sahen im Kino über neun Millionen Zuschauer. Jetzt kamen die beiden erstmals zu einem Live-Auftritt nach Berlin, und die Columbiahalle war restlos ausgebucht.

Anlass war die Vorstellung des neuen Buches „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“, in dem Philippe Pozzo di Borgo für Wege zu einer solidarischen Gesellschaft wirbt. Er ist überzeugt davon, dass es Zeit für einen gesellschaftlichen Wandel ist. „Viele Menschen leiden darunter, dass immer nur Leistung und Perfektionismus gefordert werden. Es wird Zeit, die Verletzlichkeit ins Zentrum zu rücken.“ Man müsse brüderlicher miteinander umgehen und anerkennen, dass es auch eine soziale Behinderung gibt. Die Aktion Mensch, die gemeinsam mit dem Hanser Verlag die auch von Behinderten frequentierte, komplett barrierefreie Veranstaltung organisiert hatte, wirbt für das Prinzip der „Inklusion“ – für die „vollständige und gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an allen gesellschaftlichen Prozessen“.

Als sich Philippe Pozzo di Borgos Leben vor fast 20 Jahren so dramatisch änderte, hat er mit der Auswahl des Pflegers Inklusion bereits praktiziert, obwohl das damals noch kein Thema war. „Ich war Geschäftsmann“, sagt er rückblickend. „Abdel war schnell, intelligent, sehr stark und völlig furchtlos.“ Er habe den Notwendigkeiten entsprochen. „Die Freundschaft kam erst später.“ Später, nach dem Tod der geliebten Ehefrau Béatrice, kam auch eine Behinderung hinzu, die für ihn noch schwerer wog als die körperlichen Einschränkungen. Damals verfiel er in eine schwere Depression.

In dieser Zeit wurde Abdel zur Quelle der Lebensfreude. „Er hat mich gerettet mit seiner Herzensintelligenz“, sagt er über den Mann, den er an diesem Abend als seinen „Schutzteufel“ bezeichnet. In dem Film gibt es eine Szene, in der sie in einer wilden Maserati-Fahrt durch Paris von der Polizei verfolgt und schließlich gestellt werden. „Abdel hat mich pausenlos gepflegt wie einen Säugling. Er hat auf jedes noch so kleine Zeichen von mir geachtet.“ Abdel wiederum erzählt, wie viel er gelernt hat von Pozzo di Borgo, der eine Art Ersatzvater für ihn wurde und sich um seine Bildung kümmerte.

Dass er die Geschichte aufgeschrieben hat, ist seiner ersten Frau zu verdanken. „Leg Worte auf die Wunden“, riet sie dem gelähmten Mann vor ihrem Tod. Als das Buch 2001 erschien, fand es gerade mal 15 000 Käufer. Erst die Verfilmung und der überraschende Kinoerfolg rückten dieses Schicksal in den Mittelpunkt des Interesses. Der Rollstuhlfahrer und sein Pfleger sitzen vor einer Wand, auf der in roten Lettern „Das Wir gewinnt“ steht. Es sei leicht zu helfen, jeder könne das, sagt Pozzo di Borgo. Für ihn zählt Einsamkeit zu den schlimmsten Behinderungen dieser Zeit. Täglich liest er tausende Mails, die er aus aller Welt bekommt. Der Film ist nicht nur in Europa so gut gelaufen, sondern unter anderem auch in Asien.

Als es Pozzo di Borgo 2003 so schlecht ging, dass er um sein Leben fürchtete, brachte Abdel ihn nach Marokko. Dort lernte Philippe Pozzo di Borgo seine zweite Frau kennen. Mit ihr lebt er heute glücklich an der Küste, drei Stunden entfernt vom nächsten Arzt. Auf die Frage, was ihn antreibt, immer weiterzuleben, sagt er: „Ich mag den Geschmack des Kaffees am Morgen. Und den Anblick meiner Frau.“ Elisabeth Binder

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