Berlin : Eine verlorene Rolle und viele Pläne

Der Halbmarathon brachte 17 000 Menschen in Bewegung – auf einer neuen Route

Sonja Praxl

Man könnte meinen, sie hätten einen Spaziergang hinter sich, so entspannt sehen die meisten Läufer und Skater aus, die sich hinter dem Ziel an den Versorgungsbuden einfinden. Mit verschwitzten, aber glücklichen Gesichtern schlendern sie vom Wasser- zum Bananenstand und haben schon wieder genug Atem zum Plaudern. „Wenn man läuft, kennt man sich“, erklärt Teilnehmer Tim Rakemann aus Berlin. „Der Halbmarathon ist der erste große Lauf im Jahr, den nehmen alle mit.“ Wir haben ein paar Schlaglichter gesammelt.

Sehr stolz sind 18 Schüler aus dem Münsterland, die ihren ersten Halbmarathon hinter sich gebracht haben. Seit November haben sie mit ihrem Sportlehrer Jürgen Götte trainiert, um in Berlin dabei zu sein. Und der ist mit der Leistung seiner Schützlinge sehr zufrieden. „Am meisten Spaß hat es gemacht, wenn an der Strecke die Trommler waren. Da ist man wie von selber gelaufen!“, freut sich Debütantin Afra, 18. Einen Marathon traut sie sich noch nicht zu, aber nach dem heutigen Erfolg will sie auch nichts mehr ausschließen.

Routiniertere Läufer schon von Berufs wegen sind Hajo Seppelt, Gründer der RBB-Laufbewegung, und Steffen Reiche, Minister für Bildung und Sport in Brandenburg. Sogar den New York Marathon haben sie schon zusammen bewältigt. Begeistert sind sie diesmal von der neuen Route durch die Stadt, die dieses Jahr zum ersten Mal Unter den Linden begann und endete. Die Schönheit der Strecke hat sie sogar inspiriert, über eine neue Disziplin nachzudenken. „Bei Kilometer neun haben wir uns überlegt, einen ,Brandenburger-Tor-Lauf‘ ins Leben zu rufen“, sagt Reiche. „Vom Brandenburger Tor Potsdam zum Brandenburger Tor Berlin“.

Für Karsten Endres (32) ist der Skater-Halbmarathon schon nach wenigen Minuten gelaufen. In der Potsdamer Straße auf Höhe des „Wintergartens“ sucht er auf Socken nach einer seiner Rollen. „Ich hörte es knacken, und weg war meine Rolle.“ Sie muss unter die am Straßenrand parkenden Autos gekullert sein. Pech. „Aber nicht so schlimm“, sagt der Beamte. Nun ist es nur etwas schwierig, ohne Inline-Skate-Schuhe und bloß auf Socken ins Ziel zu kommen. „Ich warte auf einen Lumpensammler, der am Ende der Strecke kommt und mich mitnimmt.“

Professionelle Läufer sehen das nicht so locker. Martin Beckmann aus Leinfelden-Echterdingen und Embaze Hedrit aus Nürnberg gehören dem deutschen Marathon Bundeskader an und damit zum nationalen Nachwuchs. Mit rund 66 Minuten gehören sie zu den ersten, die ins Ziel einlaufen, aber gute Stimmung will nicht aufkommen. Eigentlich hatten sie sich mehr versprochen.

Albert Anderegg (59) ist aus der Schweiz gekommen, um eine junge Läuferin zu begleiten, die er für die heimische Nationalmannschaft trainiert. Die junge Dame musste unterwegs mit Seitenstechen aufgeben, da ist der Senior eben alleine weitergelaufen – und wurde sogar einer der ersten.

Die Berlinerin Sylvia Kurowski läuft seit 1997. Sie freut sich über die gute Stimmung in diesem Jahr. „Die neue Strecke ist auch attraktiv für auswärtige Läufer“, findet sie. Ihr Freund Frank Völkert sieht noch einen ganz anderen Aspekt: „Wenn 17 000 Menschen mit kurzen Hosen durch Berlin laufen, ist das die beste Werbung für die Stadt!“

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