Berlin : Eine Vielfalt von Bekenntnissen zu Gott Lutheranisch karg –

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Schön ist es hier. Klee blüht üppig auf dem Rasengeviert vor der evangelischen Kirche Alt-Tegel. Auf einer der Bänke ringsum muss jemand mit seinem Food-Müll nicht den Weg bis zum danebenstehenden Abfallkorb gefunden haben – der Unrat hebt sich grau und hässlich aus dem grünen Areal mit schönen alten Bäumen ab. Wohin und wie der bronzene Löwe vom Denkmal für die Opfer der Kriege im jüngsten verschwunden ist, weiß auch der Pfarrer von Alt-Tegel nicht. Eine knappe halbe Stunde vor seinem Gottesdienst um 10 Uhr steht Wolfgang Schubert bereits am Kircheneingang und wartet auf seine Schäflein. Die trudeln eher spärlich ein – die sonntäglichen Heerscharen, die gestern die U-Bahn in Alt-Tegel ausspuckt, ziehen an der Kirche vorbei – in Richtung Dampferanlegestelle. Wer dort mit einem der Ausflugsschiffe rausfährt, kann die Kirche nochmals sehen. Ihr vergoldetes Turmkreuz leuchtet weit über den Tegeler See.

Etwa drei Dutzend Gläubige sind es dann doch geworden, die gestern der dringliche Ruf der drei Glocken ins kühle Innere des Kirchleins führt, dass sich lutheranisch karg gibt – einzige Farbtupfer sind die bunten Glasmosaike der Fenster. Am 19. Januar 1912 wurde hier der erste Gottesdienst gehalten – für 600 Sitzplätze bestand damals noch Bedarf. Die kleine Gemeinde gestern verteilt sich durchs ganze Kirchenschiff – bei der Zwiesprache mit seinem Gott ist wohl jeder gern für sich allein.

„Jesus nimmt die Sünder an“, lässt Pfarrer Schubert eingangs ein altes Kirchenlied von 1718 singen. Es bereitet geistig den Weg zu seiner Predigt nach Hesekiel 18. Dass man sich mit seiner persönlichen Lebensbilanz über Gut und Böse selbst bemogeln kann, nur Gott nicht – das soll man mit nach Hause nehmen. Ausreden, wie die der Israeliten zu Zeiten des Propheten Hesekiel, dass die Väter saure Trauben aßen und die Kinder davon stumpfe Zähne bekamen, gibt es auch heute.

Wer kennt nicht den Spruch, dass wir auslöffeln, was uns andere einbrocken. Vor Gott zähle diese Art der Aufrechnung von Gut und Böse nicht, macht der Pfarrer deutlich. Die eigene Verantwortung auf andere abwälzen – das gebe es nicht bei Gott. Bei ihm zählt nur, was wir vorweisen, wenn wir vor ihn treten. Deshalb konnte der Verbrecher, der neben Jesus am Kreuze hing, doch noch zum ewigen Leben gelangen – er hatte um Vergebung für seine Sünden gebeten.

Es ist nie zu spät, sich für Jesus zu entscheiden, predigte gestern Wolfgang Schubert mit kräftiger Stimme. Anspruch auf das ewige Leben habe man nicht durch vermeintliches Gutsein , sondern nur durch rigoroses Zuwenden zu Gott. „Bekennt euch“, sage dieser, „dann werdet ihr leben.“

Das wollten gestern dann auch die Gottesdienstbesucher – sie nahmen fast alle das Abendmahl. Für den Pfarrer war der Dienst, sich zu Gott zu bekennen, gestern damit noch nicht beendet. Ein Taufgottesdienst wartete anschließend schon auf ihn, und ein junges Paar wollte draußen vor der Kirchentür schnell noch wissen, wie es in Alt-Tegel heiraten könne, wenn die Braut griechisch-orthodox sei. Bekenntnisse zu Gott – in Alt-Tegel gab es sie gestern. hema

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