Berlin : Eine virtuelle dunkelrot-grüne Koalition

Sie wissen nicht, wen Sie wählen wollen? Die Internetmaschine Wahl-O-Mat gibt Auskunft. Selbst Politikern kann das weiter helfen

Sabine Beikler

Im richtigen Leben hätte Michael Müller den Koalitionsausschuss einberufen. Stattdessen schüttelte der SPD-Partei- und Fraktionschef schmunzelnd den Kopf. „So sind sie, die Kommunisten“, sagte er feixend zu Stefan Liebich, Fraktionschef der Linkspartei. Der SPD-Koalitionspartner war nämlich fremdgegangen: Er hatte stark mit den Grünen geliebäugelt – aber nur virtuell.

Wie andere Politiker testete auch Liebich im Abgeordnetenhaus den gestern freigeschalteten Wahltest Wahl-O-Mat im Internet und beantwortete Fragen zur Politik. Die Antworten zeigen, welche Partei am besten mit den eigenen Positionen übereinstimmt. Während Müller „koalitionspolitisch“ korrekt mit seiner Partei, gefolgt von PDS und den Grünen, harmonierte, wählte Liebich Rot-Rot ab. Hinter seiner Präferenz zur PDS kamen die Grünen, gefolgt von der Wahlalternative und abgeschlagen die SPD auf Platz vier. „Dunkelrot-Grün ist super. PDS, Grüne, etwas Wahlalternative. Dann fragen wir die SPD, ob die auch noch in die Koalition will“, sagte er lachend.

Der Tagesspiegel ist einer der Medienpartner des Wahl-O-Mat für die Abgeordnetenhauswahl am 17. September. Wie die Wahl ausgeht, ist freilich noch offen. Der Wahl-O-Mat aber zeigte gestern ganz deutlich: Die Identifikation der Kandidaten mit ihrer Partei lag bei 100 Prozent oder knapp darunter. Auch der FDP-Spitzenkandidat Martin Lindner konnte Walter Momper beruhigen. Der frotzelte vor dem Wahltest, was wohl wäre, wenn sich Lindner als „verkappter Sozialdemokrat“ entpuppen würde. „Das wäre für beide Seiten gar nicht gut.“

Es ist auch kaum anzunehmen, dass Grünen-Fraktionschefin Sibyll Klotz die Linkspartei wählen wird, mit der sie laut Wahl-O-Mat nach ihrer eigenen Partei die größte Nähe hat. Und dass CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer im Gegensatz zur Position seiner Partei beim Rauchverbot in Restaurants „neutral“ anklickte, störte sein Ergebnis mit Präferenz zu CDU und FDP nicht.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte zusammen mit zwölf Jugendlichen 30 Thesen oder Fragen zu Themenbereichen wie Bildung, Sicherheit, Gesundheit, Verkehr, Steuern oder Wirtschaft erarbeitet. „Wir haben alle Wahlprogramme durchgelesen und dann diese Fragen entwickelt“, sagte Fabian Ruth, Mitglied beim Bund der deutschen katholischen Jugend. Der 21-jährige Student hatte sich wie die Schülerin Lina Jann freiwillig für die Wahl-O-Mat-Vorbereitung gemeldet. „Ich habe politisch viel dabei gelernt“, sagte die 18-Jährige. Für die Auswertung der 30 Thesen mussten alle Parteien die Fragen beantworten. Ihre Antworten wurden in das Programm eingearbeitet. Im Wahl-O-Mat ist auch die Wahlalternative vertreten. „Die WASG kam bei der letzten Umfrage vor Beginn der Vorbereitungen in mehreren Bezirken auf mehr als drei Prozent. Deshalb haben wir sie aufgenommen“, sagte Ruth Ellerbrock von der Landeszentrale für politische Bildung.

Der Wahl-O-Mat im Internet unter www.tagesspiegel.de/berlinwahl/wahlomat

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